Mörderisches Sachsen

In Regionalkrimis wird oft an der Ostsee, in Friesland oder Bayern gemordet. Sächsische Gegenden sind dagegen bisher wenig vertreten. Einige Literaten und Verlage wollen das ändern. Nicht zuletzt im Vogtland.

Von Katrin Mädler

Netzschkau/Marienberg Von Chemnitz über Dresden bis in die Sächsische Schweiz zieht sich die Spur des Verbrechens. Die fiktive Journalistin Adina Pfefferkorn geht in dem neuen Krimi-Band "Mörderisches aus Sachsen" auf Spurensuche. In 13 Kurzgeschichten wird jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt des Freistaates vorgestellt. Das neue Buch sei ein Versuch, Sachsen als Krimi-Land stärker zu etablieren, erläutert Autorin Petra Steps aus Netzschkau. Denn als Schauplatz für literarische Kriminalgeschichten hat Sachsen Nachholbedarf.
"Im Gegensatz zu anderen Regionen fällt Sachsen bei Regionalkrimis noch sehr zurück", konstatiert Steps. "Dabei sind die Menschen heimatverbunden, was wir in der Literatur besser nutzen könnten." Auch deshalb organisiert die Autorin seit 2007 regelmäßig im Vogtland Krimi-Literatur-Tage - vor der Corona-Pandemie mit rund 40 Mitwirkenden und bis zu 2000 Besuchern. Krimis über das Vogtland oder Mittelsachsen liefen schlecht. "Verlage raten, sich bei Geschichten zumindest in Richtung Erzgebirge zu orientieren. Das ist überregional bekannter."
Seit dem Beginn der Erzgebirgskrimi-Reihe vor zwei Jahren im ZDF nehme das Interesse der Öffentlichkeit zu, beobachtet Constanze Ulbricht als Leiterin der Baldauf Villa in Marienberg. Das Haus, das sich der regionalen Kulturarbeit widmet, war im Juni 2021 selbst Drehort, die Ausstrahlung soll im nächsten Jahr folgen. "Wir merken, dass die Bekanntheit unserer Städte wie Marienberg oder Olbernhau steigt. Außerdem scheinen sich mehr Autoren mit dem Erzgebirge und der Krimi-Literatur zu beschäftigen", erklärt Ulbricht.
Auch die gut besuchten Krimi-Lesungen in der Villa Baldauf könnten die Anfänge eines Trends sein. "Wir sind bemüht, das weiter zu fördern." Mit dem Literaturprojekt "Schatten über dem Erzgebirge" sucht die Einrichtung regelmäßig nach deutsch-tschechischen Krimiautoren, die über die Region schreiben - mit einem Buchband und Lesungen in Folge. "Im aktuellen Durchgang drehte sich alles um die Welterbestätte. Es folgen noch grenzüberschreitende Lesungen dazu." 2022 sei außerdem ein Jugendliteraturwettbewerb zu Krimis geplant. Das Erzgebirge sei hervorragend geeignet für Kriminalliteratur, sagt René Seidenglanz. In seinem zweiten Buch "Kaltenhaide" lässt der Autor und Berliner Professor einen Serienmörder in den Wäldern seiner ehemaligen Heimat wüten. "Die Region spielt eigenartigerweise in der Literaturszene bisher kaum eine Rolle. Dabei wurde sie durch spannende gesellschaftliche und politische Brüche geprägt." Dazu gehörten die Industrialisierung, die DDR-Zeit oder die Vertreibung Sudetendeutscher in der tschechischen Nachbarschaft. "Die Vergangenheit wirkt im Erzgebirge aufregender als in anderen Regionen."
Noch spielen wenige Kriminalromane in Sachsen, womöglich könnte sich aber ein Trend herausbilden, sagt Dominic Hettgen als Pressesprecher des Emons Verlag. Die zwei im Erzgebirge handelnden Krimis von Seidenglanz seien mit bisher 6000 verkauften Büchern erfolgreich gelaufen. Auch die Berlinerin Gesa Knolle habe mit ihrem aktuellen Krimi "Böse Wetter" das Erzgebirge als Schauplatz gewählt.
"Die Titel werden gut von Buchhandel und Leserschaft aufgenommen. Wir haben in kurzer Zeit mehr über das Erzgebirge verlegt als in den gesamten Jahren davor", erläutert Hettgen. Künftig plane der Verlag zwei ähnliche Titel pro Jahr. Rund 100 Kriminalromane, die unter anderem in Deutschland und beliebten Urlaubsregionen spielen, erscheinen jährlich bei Emons.
Bei Krimis sehen die Autorinnen Ethel Scheffler und Sylke Tannhäuser vom Verein für Mitteldeutsche Literatur "FürWort" für ganz Sachsen noch viel Potenzial. Der Reiz von Regionalkrimis sei es, dass Leser lokale Besonderheiten und Eigenheiten der Menschen wiedererkennen, erklärt Scheffler. Der Verein organisiere die Lesereihen "Dunkle Musen" im Leipziger Land oder "Literatur auf Reisen" im Landkreis Nordsachsen an ungewöhnlichen Orten. Dazu zählten Friedhöfe oder Gerichtssäle. Scheffler: "Damit sollen auch Krimi-Freunde auf dem Land begeistert werden."