Mobile Teams entschärfen Blindgänger

Nur wenige Stunden, bevor die aufwändige Evakuierung von 17.000 Plauenern in Gang gesetzt worden wäre, stellte sich gestern heraus, dass es sich bei den vermeintlichen Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg um harmlose Gegenstände handelte. Stadtchronist Curt Röder öffnete sein umfangreiches Archiv, das über Bombenentschärfungen nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet.

Plauen In den direkten Nachkriegstagen ging es weniger vorsichtig zu, als heute - mobile Teams waren in der Stadt unterwegs und entschärften sichtbare Blindgänger, sammelten Munition ein und halfen damit, die Trümmer der Bombenangriffe gefahrfrei beiseite zu schaffen. "Die Amerikaner sind mit Räumpanzern und Planierraupen daran gegangen, Straßen und Wege vom Schutt zu befreien. So wurde unter anderem der gesamte Klostermarkt leer geräumt und in einen riesigen Bombenkrater dort hinein geschoben. Ich glaube, man will bis heute lieber nicht wissen, was dort alles versenkt wurde", sagt Röder in seinem Haus in der Plauener City. Auch der durch eine schwere Erkrankung gezeichnete Plauener Stadtchronist wird heute vermutlich sein Haus räumen und wird in eine Pension einziehen.
12.600 Bombentrichter
kurz nach dem Krieg

In seinem frühen Standardwerk "1944/45 Plauen - Eine Stadt wird zerstört" hat er dem Thema ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin schreibt er von der unermesslichen Zerstörung der Stadt, von 1946 dokumentierten 1,8 Millionen Kubikmetern Schutt. Im damals 157 Kilometer umfassenden Straßennetz waren 67 Kilometer durch Trümmer unpassierbar, zudem waren auf den Straßen 1.600 Bombentrichter verzeichnet worden. Insgesamt wurden im Stadtgebiet rund 12.600 Bombentrichter gezählt.
Die Beräumung der Straßen erfolgte zumeist auf die Art und Weise, dass der Schutt in die Grundstücke und Keller sowie Hinterhöfe zurückgeworfen wurden. Teilweise wurde der Schutt mit improvisierten Trümmerbahnen weggekarrt, wie beispielsweise am Klostermarkt. "Die Enttrümmerung erstreckte sich noch bis weit in die 70er Jahre. Bei Geländebegehungen und Enttrümmerungsarbeiten sind allein in den beiden ersten Nachkriegsjahren 523 Spreng- und Minenbomben- sowie 360 Brandbomben-Blindgänger entdeckt und entschärft worden", heißt es in dem genannten Buch aus dem Heimatverlag Neupert.
Einer der wichtigsten Zeitzeugen dieser Aufgaben war Sprengmeister M. Willi Eger, der in seinen Memoiren im Jahr 1965 spannende Details aus seinen Tagebüchern zitierte. Detailliert erzählt er darin, wie er von den Amerikanern beauftragt wurde, Blindgänger zu entschärfen und die Sprengmittel zwischenzulagern. Die GIs selbst sammelten Munition ein und schütteten diese zumeist in stehende Gewässer, wie die Neundorfer Teiche oder die Talsperre in Muldenberg, bei dem aufgrund des doch recht unbefangenen Umganges mit Munition gar eine sehr schwere Explosion einsetzte. "Später hatte ich dann das zweifelhafte Vergnügen, diese Gewässer wieder zu bereinigen", heißt es in Egers Aufzeichnungen.
Immer wieder seien bei den Trümmerbeseitigungen der ersten Nachkriegsjahre neue Blindgänger aufgetaucht, die es zu entschärfen galt. Auch Felder, Wiesen und Wälder wurden nach hochexplosiven Splitterbomben-Blindgängern abgesucht und beim Auffinden noch am gleichen Tag unschädlich gemacht.
An Brücken wurden nicht gezündete Sprengladungen entdeckt - unter anderem auch an der Alten Elsterbrücke aus dem 13. Jahrhundert.
Eger-Truppe Spezialist
für Sprengkörper

Neben dem Team von Willi Eger war damals eine zweite Gruppe unter der Leitung des Polizeioberstleutnants Erich Enge unterwegs, schreibt der Sprengmittel-Experte. Curt Röder weiß heute, dass es ein drittes Team um den Entschärfungs-Spezialisten Dietsch gegeben habe. In einem seiner nächsten Bücher will er dem genannten Sprengmeister eine besondere Erwähnung zukommen lassen.
Willi Eger setzte seinen Job dann auch unter den russischen Besatzern fort und auch als die Kampfmittelberäumung eine Aufgabe der Volkspolizei wurde, sei er dort weiter tätig gewesen. Plauen sei damals Hauptfundort von Blindgängern in Sachsen gewesen. Zwischen 1945 und 1955 entschärfte die Eger-Truppe allein im Stadt- und Landkreis Plauen zwei 40-Zentner-Luftminen, sieben 10-Zentner-Sprengbomben, 22 5-Zentner-Sprengbomben, 32 Zweieinhalb-Zentner-Sprengbomben, vier Anderthalb-Zentner-Sprengbomben, 65 Zentner-Sprengbomben und 262 Zehn-Kilo-Splitterbomben.
"Die Vernichtung der Bombenblindgänger erfolgte auf dem Vomag- und dem Flughafengelände, im Stollen des Steinbruches Reinsdorf und einer Sandgrube bei Mühltroff sowie an Ort und Stelle, wenn Transporte zu gefährlich waren", zitiert Röder in seinem Buch die Aufzeichnungen des Sprengexperten. Dieser hatte auch eine Idee, wo weitere Blindgänger auf Plauener Flur zu finden sein könnten, unter anderem im Stadtpark, am Hinterbereich des Komturhofgebäudes, im Bereich Hammerstraße, Auenstraße, Gerberplatz, im Bereich zwischen Pauluskirche und Bahnhof, im Bereich Bärenstraße zwischen Karl- und Friedrich-Engels-Straße sowie im Großraum Dittrichplatz. Aufzeichnungen über die aktuell an der Syrastraße und im Bereich der Elsteraue vermuteten Bombenblindgänger sucht man hingegen vergeblich. "Ich persönlich kann mir aus meinen Recherchen der letzten Jahre durchaus vorstellen, dass hinten in der Elsteraue tatsächlich noch Blindgänger zu finden sind. In dem Bereich am Schlosshang vermute ich aber eher größere Metallteile die im Zuge der Hanganlegung, als man die schwer getroffenen Häuser der Syrastraße einebnete, dort einfach mit reingeschmissen wurden", sagt Curt Röder Mitte dieser Woche - und er sollte recht behalten.
Er findet mit Blick auf die früheren Entschärfungen die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen, die sich glücklicherweise als nicht notwendig erwiesen, als durchaus angebracht.