Mit wenig viel erreichen

Wahlkampf in der Fläche ist vor allem für kleine Parteien mit wenigen Mitgliedern ein schwieriges Unterfangen. Gleichzeitig wird am rechten Rand kräftig mobilisiert - so etwa im Vogtland.

Plauen/Dresden - Tag für Tag ärgerte sich Gerhard Liebscher beim Blick aus seinem Wohnzimmerfenster. Es war Bundestagswahlkampf im Vogtland: "Ich habe immer nur NPD-Plakate gesehen und gedacht, das kann nicht sein". 2005 war das. Der 63-Jährige trat damals mit seiner Frau Ulrike bei den Grünen ein. Inzwischen macht er selbst Wahlkampf - ehrenamtlich für den Kreisrat und auf Listenplatz 12 für die anstehende Landtagswahl.
Aktuell zählt der Kreisverband Vogtland 63 Mitglieder, bis vor kurzem waren es rund 50. "Auch wir konnten etwas von dem Hype um die Grünen profitieren", sagt Ulrike Liebscher. Im Vogtlandkreis leben allerdings 230 000 Menschen. Im Wahlkampf Flagge zu zeigen in der Fläche, wie von Grünen-Chef Robert Habeck zu Jahresbeginn bei einem Besuch in Plauen ausgegeben, ist also ein hartes Stück Arbeit.
Bei 20 bis 25 aktiven Wahlkampfhelfern überlässt der Kreisverband das Plakate kleben inzwischen Profis. Die Grünen im Vogtland setzen mit ihrer begrenzten Manpower lieber auf Infostände, politische Wandertage oder Politiker-Speeddating auf Marktplätzen, um vor den Kommunal- und Europawahlen am 26. Mai für ihre Partei zu werben.
Sachsenweit kommen die Grünen mit rund 2100 Mitgliedern derzeit auf so viele Anhänger wie nie. Auf den Wahllisten stehen rund 1200 Kandidaturen. "Das ist ein neuer Rekord für Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen", sagt Landesgeschäftsführer Matthias Weilandt.
Doch ein Haustürwahlkampf - Hauptaugenmerk bei der sächsischen CDU mit rund 10 000 Parteimitgliedern - ist damit nicht machbar. Etwa 6500 Kandidaten gehen für die CDU ins Rennen. "Vor allem rund um die einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten gibt es über die Parteimitglieder hinausgehend umfangreiche Netzwerke an Unterstützern und Helfern", sagt Sprecher Alexander Szymanski.
Mit nur halb so vielen Mitgliedern und rund 1300 Kandidaten zieht Sachsens SPD in den Wahlkampf: Direkt an der Haustür und mit so genannten Frühverteilungen, bei denen an hoch frequentierten Stellen Menschen direkt angesprochen werden, wollen die Sozialdemokraten Stimmen gewinnen. Zudem spiele der Online-Wahlkampf eine größere Rolle als in der Vergangenheit, so Sprecherin Rasha Nasr.
Sachsens Linke mit derzeit rund 7900 Mitgliedern bestreitet ihren Wahlkampf ebenfalls nahezu ausschließlich ehrenamtlich. Rund 4000 Helfer werden in den kommenden Wochen für die Inhalte der Partei werben, schätzt Sprecher Tilman Loos.
Die AfD setzt vor den Wahlen ebenso verstärkt auf das Engagement ihrer aktuell rund 2400 Mitglieder, von denen laut Sprecher Andreas Harlaß viele darauf brennen, die "Hoheit über die Briefkästen" zu erobern.
Trotz geringer Personalstärke Sichtbarkeit mit Flyern, Plakaten und kleinen Kundgebungen in hoher Schlagzahl zu erreichen, ist das Konzept am äußersten rechten Rand. "Wir sehen im Moment viel Bewegung im rechten Spektrum", sagt Linke-Politikerin Kerstin Köditz.
Die Kleinstpartei "III. Weg" gebe sich im Vogtland das Image des "Kümmerers": Suppenküche, Hausaufgabenhilfe, Selbstverteidigungskurse für Kinder und Jugendliche. Mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen sei ein erhöhtes Aktionsniveau dieser Partei festzustellen, heißt es vom Landesamt für Verfassungsschutz, der dem Stützpunkt Vogtland 70 Aktive zurechnet.
Als Lückenfüller auftreten, weil Hilfsangebote angeblich fehlten, sei die Strategie der aus Neonazi-Kadern hervorgegangenen Kleinstpartei, meint Steven Seiffert vom Kulturbüro Sachsen. "Doch das stimmt so nicht, stattdessen dient das alles nur dem Selbstzweck."
Auf diese Weise schaffe es der "III. Weg" in der Bevölkerung Berührungsängste abzubauen sowie eigene Inhalte und Personen zu "normalisieren" und damit letztlich potenzielle Wähler zu gewinnen. Die Ereignisse von Chemnitz im vergangenen Sommer zeigten außerdem, wie schnell und in welcher Größenordnung die rechte Szene mobilisieren könne. 
Nach dem gewaltsamen Tod eines Deutschen war es dort zu fremdenfeindlichen Übergriffen und rechten Demonstrationen gekommen. "Hinzu kommt das Potenzial, in der Anonymität der sozialen Medien rassistische Hetze abzulassen", ergänzt Köditz.
Problematischer sei aus ihrer Sicht aber die bereits stattfindende Diskursverschiebung in der Öffentlichkeit. "Das können wir langfristig nur ändern, wenn wir andere Themen setzen und andere Kräfte stärken." So mache die "Fridays for Future"-Bewegung Mut, dass es in Sachsen auch andere Themen als Migration, Islamfeindlichkeit oder EU-Kritik auf die Tagesordnung schafften.
Davon überzeugt ist auch das Ehepaar Liebscher, das vor knapp 20 Jahren aus Tübingen ins Vogtland kam und heute bewusst in der Region bleibt. "Ich denke, dass es sich gerade hier lohnt, für grüne Ideen zu kämpfen", sagt Gerhard Liebscher. "So langsam merken wir, dass sich auch hier etwas dreht", fügt seine Frau hinzu. Grund genug, in den Wahlkampf zu ziehen, anstatt den Ruhestand zu genießen.     dpa