Mit Weisheit des Alters in die Politik

Kurt Kämpf ist ein besonderer Mensch, sagt sein Sohn. Und auch andere staunen: Im hohen Alter von 90 Jahren hat er sich jetzt der CDU angeschlossen. Dazu bewegt haben ihn sein Enkelsohn und sein Arzt.

Plauen Ein wenig skurril erscheint es schon, das ein gut 90 Jahre alter Mensch in eine Partei eintritt. Viele seiner Zeitgenossen sind längst kaum mehr in der Lage ihren Alltag zu bewältigen, sind gezeichnet von einem langen, oft entbehrungsreichen Leben. Karl Kämpf würde man seine 90 Jahre nicht abnehmen, hätte er nicht weiß-graues Haar und Furchen im Gesicht, die Geschichten seiner vielen Lebensjahre verheißen. Aber er hat auch kleine funkelnde Augen, die seine Wachheit im Geiste verraten.
Was ihn jung hält? "Ich bin generell sehr aktiv, war erst gestern in der Kirchgemeinde in Bergen und habe dort einen Familienabend gehalten", sagt der rüstige Senior in seiner Wohnung, die im Hause eines echten "Vier-Generationen-Hauses" im Preißelpöhl liegt. Neben dem Senior lebt auch sein Sohn Gerd mit Gattin im großzügigen Haus. Enkelsohn Tobias Kämpf (Stadtrat für die CDU in Plauen), der das Haus bauen ließ und seine Gattin Katrin ergänzen mit ihren kleinen Kindern das turbulente Familienhaus, das er auf dem ehemaligen Gartengrundstück von Opa Karl errichtete.
"Ich habe es hier wirklich gut. Vor einiger Zeit musste ich wegen der schlechter werdenden Augen das Autofahren aufgeben. Nun muss ich eben gefahren werden", ist Karl Kämpf mit sich im Reinen.
In seiner Jugend schrammte er haarscharf an der Einberufung zum Volkssturm in den letzten Kriegstagen vorbei. Die Nazis seien sogar in seiner Klasse gewesen, aber weil er der Kleinste und Jüngste war, ging der Kelch an ihm vorüber. "Ich fühle mich bis heute von einer guten Macht davor bewahrt. Einer meiner Kameraden wurde eingezogen. Er kam fünf Jahre später aus Sibirien wieder", erinnert sich Kämpf. Er war froh, sich nicht den Nazis andienen zu müssen. In der Kindheit war es sein Vater Bruno, ein Bäckermeister in der Karolastraße, der die Saat der Demokratie anhand der Weimarer Republik in ihm legte. Sein Bruder hingegen wurde zum hohen Nazi-Offizier. Das Kriegsende bot 1945 einen neuen Aufbruch - für Karl Kämpf begann dieser in der LDPD, die frisch gegründet war. "Ich hatte damals die Illusion, dass es Demokratie geben kann. Doch nach der Vereinigung von SPD und den Kommunisten wurden die anderen Parteien zu Blockparteien degradiert. Nach drei, vier Jahren hatte ich genug und bin wieder ausgetreten. Eigentlich wollte ich Forstwirtschaft studieren, was aber nicht ging, schließlich war ich Kind eines selbstständigen Handwerkers. So wurde ich Bäcker und war ab 1954 selbstständig. 38 Jahre lang habe ich das Geschäft meines Vaters weiter betrieben", sagt Kämpf seinen spannenden Lebenslauf auf, der nach der Wende durch schwere Erkrankungen seiner Gattin eine große Zäsur erfuhr.
Bis vor zwei Jahren pflegte und betreute er seine Frau - und lebte damit den oft als Floskel empfundenen Schwur "in guten wie in schlechten Tagen". "Mein Doktor hat später zu mir gesagt: ‚Herr Kämpf, sie sind jetzt ein freier Mann. Machen Sie einfach, was Ihnen Freude bereitet.‘ Ich habe den Ratschlag angenommen", lächelt Karl Kämpf, der bis heute jeden Wochentag das Essen für sich und seinen Sohn selber kocht und auch gern noch bäckt - kein Wunder bei seinem Beruf. Sein breites kirchliches Engagement - er hält Junge Gemeinde-Abende, Familienkreise und vieles mehr in der Paulus- und der Versöhnungskirche - hilft ihm außerdem, fit zu bleiben.
Nun aber geht er auch noch in die Politik. Geworben als CDU-Mitglied hat ihn sein Enkelsohn, mit dem ihn ein inniges Verhältnis verbindet. Politische Diskussionen mit Tobias seien an der Tagesordnung - und Verantwortung habe der Enkelsohn auch übernommen, sagt Kämpf senior mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme. Der letzte Schub zum Beitritt in die CDU lag jedoch auf anderer Strecke: "Ich mache mir ernsthaft Sorgen um unsere Demokratie. Die Volksparteien, die unser Gemeinwesen tragen, werden immer mehr geschwächt", offenbart Karl Kämpf einen unverstellten Blick auf die politischen Verhältnisse. Nun wolle er sich bei den Christdemokraten einbringen - zum November letzten Jahres erklärte er seinen Eintritt in die Union, zur jüngsten Mitgliederversammlung des Plauener Stadtverbandes erhielt er aus den Händen des neuen Stadtverbandschefs Jörg Schmidt seinen Mitgliedsausweis. "Ich möchte meine Erfahrung einbringen, will es nochmal wissen, will dabei sein, neue interessante Leute kennen lernen und Freunde daraus gewinnen", erklärt der Senior, der nach eigenem Bekunden als Christ der CDU von jeher nahe stand.
Allerdings wirbt er auch für den Blick über den Tellerrand der Partei: "Es gibt auch bei den Sozialdemokraten, den Liberalen und auch bei den Linken ganz vernünftige Leute." Er sei nie jemand gewesen, der Debatten aus dem Wege gegangen ist. Sein bester Freund sei ein strenger Atheist gewesen. "Wir hatten wirklich harte Diskussionen, aber immer auch Respekt vor der Meinung des anderen und haben einander als Mensch in höchstem Maß geachtet." So geht er auch im hohen Alter ins politische Leben hinein.
Er könne schwer leben mit Menschen, die immer nur schimpfen würden, statt anzupacken und mitzutun. Er macht das jetzt - ganz neben seinen Pflichten in der christlichen Gemeinschaft und in der Familie (zwei Söhne, sieben Enkel und demnächst sechs Urenkel). "Ich bin ein reicher Mann", zieht Karl Kämpf eine Zwischenbilanz seines langen Lebens - und man bekommt eine Idee davon, dass er damit nicht die Zahlen auf seinem Kontoauszug meint.