Mit Mut gegen Wahlbetrug

Dass Wahlergebnisse in der DDR stets geschönt waren, vermuteten viele. 1989 wollten Plauener die SED endlich des Wahlbetrugs überführen. Doch Wahlen zu beobachten war eine kühne Idee, freie Wahlen zu fordern noch eine gefährlichere. Doch die beiden Freunde Thomas Salzmann und Steffen Kollwitz überlegten nicht lange ...

Von Marjon Thümmel

Plauen - Wenn die beiden Schulfreunde auf die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 und damit drei Jahrzehnte zurückblicken, dann kommt er wieder zum Vorschein - der jugendliche Schalk der damals 24-Jährigen. "Wir waren schon verrückt, als wir uns aus einer Bierlaune heraus entschieden, wenige Tage vor den Wahlen durch die Stadt zu ziehen und zu sprühen. Wir wollten, dass die Leute mit Nein abstimmen", erzählt Steffen Kollwitz und nimmt den Zuhörer mit ins Jahr 1989. Nicht ohne aber vorher noch etwas loszuwerden: "Ich würde heute nichts anders machen als damals und mich für eine Sache einsetzen. Was ist damals wie heute nicht leiden kann, ist nur zu meckern und nichts zu machen. Und deshalb kann ich jene nicht verstehen, die nicht einmal zur Wahl auf kommunaler Ebene gehen. Immerhin geht es da um die eigene Zukunft. Für mich ist Wahlverweigerung keine Alternative. Wir haben vor 30 Jahren das Recht auf freie Wahlen erkämpft, das heißt es heute nicht achtlos aus der Hand zu geben", sagt der 54-jährige bündnisgrüne Goldschmiedemeister und bekommt Zustimmung von Thomas Salzmann, der für die CDU im Stadtrat sitzt. 
Schon lange vor dem Wahltag 1989 hatte sich Widerstand in den Kirchen und Friedensbewegungen formiert. Im Laufe der 1980er Jahre wurde es immer offenkundiger, dass die extremen Wahlerfolge der SED mit der zunehmend ablehnenden Haltung der Bevölkerung nicht mehr zusammenpassten. "Wir wollten den Betrug endlich beweisen", sagt Kollwitz und meint damit vor allem seine Freunde aus der Markusgemeinde. "Unsere Pfarrer, angefangen von Dietrich Greiner bis hin zu Helmut Henke, waren in den 80ern offen für jedwede Themen und ermunterten uns schließlich 1989 auch, über die Situation im Land zu diskutieren und Stellung zu beziehen", sagte Kollwitz. Und von da kam auch der Aufruf zum Wahlboykott. 
 Als Sprüher unterwegs 
Gefordert wurden freie Wahlen und die Beobachtung der Stimmauszählung. "Wer eigentlich die Idee zur Beobachtung der Auszählung in den Wahllokalen hatte, weiß ich nicht. Die Initiative aber ist maßgeblich von Klaus Hopf ausgegangen, der als Kulissenmaler am Theater auch Kontakt zu anderen Künstlerkreisen hatte, wie den Jazzclub, der aus Malzhaus-Aktivisten, die in ihren Räumen nicht mehr auftreten durften, bestand", erzählt Kollwitz. Doch bereits einige Tage vor dem Wahltag 7. Mai hatte er mit seinem Kumpel Thomas Salzmann eine Idee, die beiden auch schnell hätte Kopf und Kragen kosten können. "Nach unserer Doppelkopfrunde mit dem Pfarrer und dem späteren Ordnungsamtschef Wolfgang Helbig sind wir in den frühen Morgenstunden angedudelt wie wir waren nicht heim, sondern nur bei Thomas vorbei. Aus der Bierlaune heraus wollten wir allen kundtun, was sie zur Wahl tun sollen", erinnert sich Kollwitz, und Salzmann erzählt von der Spraydose aus dem Intershop, die er für sein Moped gekauft und schließlich für den neuen Zweck geholt hatte. "Am Klohäuschen an der Rückert-Schule haben wir angefangen, haben ‚7. Mai - Nein' gesprüht. Dann sind wir zur Fußgängerunterführung am Oberen Bahnhof. Auf die Mauer zur Friedensstraße haben wir 'Nutzt die Wahlkabinen‘ und auf den Fußweg '7. Mai - Nein' geschrieben", sagt Kollwitz und auch, dass er nochmals zurückging, weil er bei 'nutzt' das 't' vergessen habe. "Wir waren noch so klar im Kopf, dass einer gesprüht und einer geguckt hat, ob uns jemand beobachtet. Im Tunnel allerdings war das schwierig und deshalb ging uns dort besonders die Düse. Anschließend sprühten wir noch am Durchgang zur Krausenstraße", sagt Salzmann: "Wir wollten in der ganzen Stadt verteilt sprühen, um von Haselbrunn abzulenken. Geplant war auch noch eine Aktion im Preißelpöhl. Allerdings haben wir von der Sprayflasche den Sprühkopf verloren und sind nach Hause. In der Nähe zum Friedhof 2 haben wir die Flasche und den Deckel weit getrennt in Container geschmissen", so Salzmann. "Am nächsten Tag bin ich an dem Klohäuschen vorbei und da war das ganze Haus frisch gestrichen, obwohl es ja keine Leute und keine Farbe gab. Ein Freundin wiederum erzählte, dass sie nicht durch die Fußgängerunterführung am Oberen Bahnhof durfte, weil diese abgesperrt war", schildert Kollwitz. "Wir haben niemanden von unserer Spray-Aktion erzählt, bis zum Herbst nicht mal unseren Frauen. In der Stasi-Akte wurden andere verdächtigt. Zum Glück folgenlos." Unter dem Vorgang "Lunte" hatte die Stasi ermittelt.
Bis Anfang Mai fand sich um Kollwitz und Hopf eine Gruppe von etwa 60 vorwiegend jungen Leuten zusammen, die die Wahlen beobachteten wollten. Freunde aus der Markusgemeinde, aus dem ehemaligen Malzhaus (Jazz-Club) und aus anderen Kreisen wollten den DDR-Mächtigen auf die Finger sehen und wissen, ob alles mit rechten Dingen zugehe. An den Auszählungen teilzunehmen war zwar nicht verboten, aber angesichts früherer Repressalien ein "mutiger Schritt", wie die Stasi-Unterlagenbehörde zu den Kommunalwahlen schreibt. 
60 Wahlbeobachter
Schließlich verfolgten in Plauen 60 Frauen und Männer an jenem 7. Mai die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung - in 40 der insgesamt 99 Wahllokale. "Am Abend trafen wir uns in der Wohnung von Klaus Hopf in der Pausaer Straße 54, um unsere Ergebnisse zusammenzutragen. Als dann einen Tag später die offiziellen Zahlen verkündet wurden, war die Fälschung offensichtlich. Und wir hatten Beweise für den Betrug, der auch in der DDR verboten war. In den 40 Wahllokalen hatten wir mehr Nichtwähler registriert als für ganz Plauen ausgewiesen", erklärt Kollwitz. Seine Frau Kerstin gehörte ebenfalls zu den Wahlbeobachtern. "Nachdem ein klärendes Gespräch zwei Tage danach vom damaligen Oberbürgermeister abgelehnt wurde, schickten wir eine Staatsrateingabe an Erich Honecker. Wir konnten nicht tatenlos zusehen, auch wenn die Konsequenzen bis zu Gefängnis hätten reichen können", sagt der Goldschmiedemeister. Unterzeichnet war die Eingabe, der noch drei folgten, von den neun mutigen Männern Klaus Hopf, Thomas Huscher, Peter Wündisch, Ullrich Franke, Olaf Thiel, Uwe Jäckel, Wolfgang Helbig, Steffen Kollwitz und Siegmar Wolf - die dafür auch ihre Adressen hergeben mussten. Ein gefundenes Fressen für die Stasi. 
Nach dem aufgedeckten Wahlbetrug kam etwas in Gang, mit dem niemand in der DDR-Führung gerechnet hatte. Der Widerstand wuchs, die Opposition formierte sich, Tausende versuchten dem Land zu entfliehen. Durch die Flüchtlingszüge, die Anfang Oktober von Prag durch Plauen fuhren, heizte sich die Situation weiter auf. In der Markuskirche erlebten 2000 Plauener zwei große Friedensandachten am 5. Oktober. Zwei Tage später demonstrierten mehr als 15 000 Menschen in Plauen gegen das DDR-Regime. Der Beginn der Friedlichen Revolution in der DDR.