Mit Hand und Köpfchen

Abitur? Er war sich unsicher. Dann suchte er eine Ausbildung, die ihm privat nützt. Er lernte Zimmermann - das machte Spaß. Und jetzt hat er den besten Meisterabschluss seines Jahrgangs in der Tasche. Er hält das für ein Wunder.

Muldenhammer/Lengenfeld -  "Ich wollte einen Beruf, in dem ich mit den Händen was schaffe und mir was Cooles bauen kann", sagt Johann Herrmann (24). In der Lehre merkt er, wie vielseitig Zimmerleute gefordert sind. Das gefällt ihm, er kniet sich rein - und wird Vierter beim sachsenweiten Berufsausscheid.
Sein Lehrbetrieb ist die Zimmerei Hofmann in Oberheinsdorf, sein Chef hat in der Innung was zu sagen. "Wir haben Holzbau aller Art ausgeführt. Ich habe eine Menge gelernt, von dem ich mein ganzes Berufsleben zehren werde", erklärt Herrmann.
Er macht sich beruflich selbständig, baut Terrassen, errichtet Dachstühle, stellt Holzhäuser auf und bietet Innenausbau an - und verletzt sich schwer bei einem Sportunfall. Der Knochenbruch im Arm ist so kompliziert, dass Berufsunfähigkeit droht. Noch heute sieht man die Narbe, vom Ellenbogen aufwärts; die Metallplatte steckt noch im Arm. "Aber alles ist wieder gut geworden: Ein Wunder."
2019 beginnt er die Meisterausbildung in Chemnitz: Neun Monate in Vollzeit (und Verlängerung wegen Corona-Pausen) geht es um Fachtheorie, Lehrlingsausbildung und Kaufmännisches. Für das Meisterstück plant er den Ausbau des Dachstuhls einer fiktiven Physiotherapie. "Ich musste Antworten finden auf Fragen wie: Was ist machbar, wirtschaftlich und sinnvoll? Und welche Vorstellungen hat der Kunde." Zur Arbeit zählen Kalkulationen, Berechnungen für Dachsparren, Deckenbalken, Treppen - und Zeichnungen.
Die Prüfungszeit der Meisterausbildung wolle er nicht noch einmal erleben - zu anstrengend. "Das war die Zeit, in der ich gemerkt habe, welch große Unterstützung meine Freundin ist und wie gut wir zusammenpassen", sagt er über die 24-jährige Erzieherin aus Klingenthal, mit der er sich im Januar verlobt hat. "Im Oktober wird geheiratet. Wir ziehen nach Mühlleithen."
Herrmann ist in einer christlichen Familie mit sechs Kindern (und zwei weiteren Pflegekindern) auf einem Vier-Seiten-Hof in Waldkirchen bei Lengenfeld aufgewachsen. "Mein Vater ist Zimmermann und hat immer was zu tun - am Haus, auf dem Grundstück oder im Wald. Als ältester von zwei Söhnen habe ich oft geholfen."
Als Halbwüchsiger will Herrmann unbedingt ein Moped - und geht in den Ferien dafür arbeiten für fünf Euro Stundenlohn. Es ist die Zeit, in der sich der Junge vor allem für Motorräder und Autos interessiert, auch im Unterricht am Pestalozzi-Gymnasium in Rodewisch, wo er dennoch recht gute Leistungen erreicht. "Aber dann wurde mir klar, dass ich kein Abitur brauche, um anerkannt zu werden. Nach einem Gespräch mit meinem Vater war mir klar: Nach der zehnten Klasse lerne ich Zimmermann wie er."
Am vergangenen Samstag hat Herrmann seinen Meisterbrief in Chemnitz erhalten - als Bester seiner Klasse.
Künftig will er nach als selbständiger Zimmermann sein Geld verdienen. Gegenwärtig richtet er sich nach eigenem Bekunden eine Werkstatt in Tannenbergsthal ein. "Wenn nötig, arbeite ich projektbezogen mit anderen zusammen, meinem Vater zum Beispiel."
Als Selbständiger hatte er auch Geld verdient, um in der Ausbildung sein BAFöG aufzubessern: "Ich habe viel für meinen Onkel Hans-Peter Herrmann in Plauen gemacht. In seiner Falknerei wurde eine Flugvoliere gebaut, es entstanden ein Bürotrakt, der Kassenbereich und manch anderes."
Wegen dieser Einkünfte habe die BAFöG-Stelle einen Teil seiner Ausbildungsförderung zurückgefordert, berichtet Herrmann.

Schon gewusst?

Die Zimmermannskluft wurde früher immer getragen - beim Arbeiten, in der Kirche und beim Feiern. Sie musste robust sein und gut aussehen. Jedes Teil der Kluft hat eine Bedeutung, wie Zimmermannsmeister Johann Herrmann erklärt:
Der Schlag der Hose verhindert, dass Späne in die Schuhe gelangen; breitkrempige Hut ist Wetterschutz und schützt vor Spänen im Halskragen. Die zwei Reißverschlüsse an der einst von Schiffbauern getragenen Hose haben keine schlüpfrigen Gründe sondern eine lebensrettende Bewandtnis: Beim Sturz ins Wasser saugt sich der schwere Deutschleder- oder Kordstoff voll Wasser und zieht den Träger in die Tiefe. Lebensgefahr! Die Reißverschlüsse ermöglichen schnelles "Aussteigen", um der Lebensgefahr zu entgehen.
Die Knöpfe an der Kluft sind ein eigenes Kapitel:
Die sechs Knöpfe am Sakko symbolisieren die Sechs-Tage-Arbeitswoche - von Montag bis Samstag, die acht Knöpfe an der Weste verkörpern den Acht-Stunden-Arbeitstag. "Die Zimmerer waren schon immer fortschrittlich, was die Arbeitszeit anbelangt", erklärt Hermann im Gespräch. Und die drei Knöpfe am Ärmel des Sakkos stehen für die drei Lehrjahre. ufa