Mit der Eisenbahn den Baum zum Absturz gebracht

24 Schneeflöckchen aus der Drechslerei Kuhnert Rothenkirchen verbergen sich hinter den Türchen unseres Adventskalenders. Alle erzählen Geschichten. Heute erinnert sich der einstige Plauener Zeitchronist und Verleger Jean-Curt Röder an die Weihnachtszeit im zerstörten Nachkriegs-Plauen.

Plauen - Ein wenig nostalgisch-verklärt ist der eigene Blick auf die Kindheit fast immer. Wie unser heutiges Schneeflöckchen es verheißt, erinnert sich wohl manch ein Vogtländern noch gut an die Zeiten, als Schnee in Hülle und Fülle zur lockeren Schneeballschlacht lockten. Auch der einstige Plauener Chronist und Verleger Jean-Curt Röder erinnert sich noch an seine Kindheit im verschneiten Plauen. 1945 wurde er hinter dem Schreibwarengeschäft Posselt und dem Vogtländischen Heimatverlag Neupert geboren und so erinnert er sich heute noch gut daran, wie er mit seinen Kinderfreunden zwischen den Ruinen der zerstörten Spitzenstadt Schneeballschlachten ausfocht und auf Igelittschuhen über die glatten Straßen hätselte.
Allerdings verstellt diese nostalgische Erinnerung nicht den Blick auf die schweren Zeiten damals. "Die Stadt war in vielen Bereichen nach dem Krieg zu mehr als 80 Prozent kaputt. Anfangs lagen in den Ruinen noch tote Menschen, haben mir Zeitzeugen von einst erzählt. So weiß ich, dass zum Heiligabend 1946 eine Weihnachtssonderzuteilung für die Bezugsberechtigten erfolgte. Damals gab es 500 Gramm Weizenmehl, 250 Gramm Zucker oder Süßwaren und drei Baumkerzen pro Familie, ab vier Personen in der Familie gab es vier", erzählt der Verleger aus Geschichten, die er von Zeitzeugen aufnahm. Im Hungerwinter 1946/47 war es gar so schlimm, dass die Kinder zum Reisig klauen in den Reusaer und den Stadtwald geschickt wurden. "Das war damals keine heile Welt, die Frauen waren verantwortlich, dass was einigermaßen Festliches auf den Tisch kam, Eltern mussten aus nichts irgendwelche Geschenke zaubern und der Familienverbund musste auch zusammengehalten werden. Wenn es da mal etwas Besonderes zu kaufen gab, griffen alle zu und brachten für Nachbarn und Freunde gleich etwas mit - zu Weihnachten gab es ja manchmal ein paar Apfelsinen als Sonderzuteilung", erzählt Röder. Die Geschenke seien aus heutiger Sicht beinahe makaber gewesen - meist gab es Kleidung, aus denen andere herausgewachsen waren. Er selbst habe - trotz fehlender Passion für die Seefahrt - einen Matrosenanzug bekommen, erinnert sich der Chronist und betont, wie oft die Frauen strickend das ganze Jahr Geschenke selbst fertigten. Selbst gestrickte Schals, Mützen, Handschuhe, Socken und Pullover seien häufige Präsente unterm Weihnachtsbaum gewesen.
"Meine Mutter hat über das Jahr hinweg allerlei Sachen gekauft und versteckt. Ich hab das aber oft vor dem Fest schon gefunden. Zu uns kam am Heiligabend dann der Rupperich mit einer Papp-Larve und einem Pelzmantel, brachte ein paar Malzblöcke als Süßigkeit mit - und jede Menge Drohungen, bezüglich der Verfehlungen der Kinder. Dann gab es Abendessen und es ging für uns Kinder ins Bett, während die Eltern die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legten", erinnert sich Röder an den Heiligabend in seiner Familie, den Weihnachtsmusik aus dem BBC-Radio umrahmte. Die Geschenke gab es erst am 1. Weihnachtsfeiertag. Er habe bis ins Erwachsenenalter hinein bei den Eltern im Bett geschlafen - aus purem Platzmangel. Dann sei er am 1. Weihnachtsfeiertag morgens stets ganz zeitig hinaus geschlichen und die Geschenke unterm Weihnachtsbaum gesichtet.
Immer dabei war die alte Spur 0-Märklin-Eisenbahn zum Aufziehen, die schon sein Vater als Kind bekommen hatte. "Die Eisenbahn rollte dann immer rund um den Weihnachtsbaum. Weil unser Baumständer eher wacklig war, wurde ich immer gewarnt, den Baum nicht umzuschmeißen. Es muss 1948 oder 1949 gewesen sein, da war die Eisenbahn am Morgen des 1. Weihnachtsfeiertages unter dem Baum entgleist und ich krabbelte drunter, um sie wieder aufs Gleis zu bringen. Und es kam, wie es kommen musste, der Baum krachte mit Getöse um. Ich hab sofort den Schrei aus dem Schlafzimmer gehört und wurde kräftig verdroschen", erinnert sich Röder an ein schmerzhaftes Erlebnis zu Weihnachten. Positives gab es auch - so habe er einmal ein Kasperltheater bekommen, in dem er Vorstellungen für die Nachbarkinder gab. "Die mussten fünf Pfennig Eintritt bezahlen", lacht Röder über seine Geschäftstüchtigkeit in alter Zeit.
Weihnachten sei trotzdem immer auch ein Familienfest gewesen, an den Feiertagen ging es für den kleinen Jean-Curt meist zur Oma in die Stegerstraße 16, wo es immer einen Weihnachtsbraten mit grünen Klößen gegeben habe - zumeist die übers Jahr auf dem Dachboden gefütterten Stallhasen. Kulinarik spielte eine große Rolle, insbesondere sei das Stollenbacken - angesichts der Knappheit an Zutaten - ein Abenteuer gewesen. So erinnert sich Röder daran, dass eine Zeitung einst schrieb, dass man Zitronat doch durch in Zuckerlösung eingelegte grüne Tomatenstücke ersetzen könne. "Wir haben es probiert und uns den Stollen versaut", weiß er es noch, als wäre es gestern gewesen.                                                       Ingo Eckardt