Mit den Augen eines Kindes

Ein Junge geht im Juli 1946 durch die Straßen Reichenbachs und sieht die Ruinen, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat. Danach schreibt der Zehnjährige einen Aufsatz - vor genau 75 Jahren.

Reichenbach - Der Junge heißt Wolfgang Tiefenbach, geboren 1935, als zweitältestes von vier Kindern des Richters Dr. Marcel Tiefenbach und seiner Frau Freya in der Weststraße 4. Der Junge schreibt unter der Überschrift "Was ich gestern erlebt habe" am 24. Juli 1946:
"Gestern ging ich im Süden an den Ruinen vorbei und dachte mir so im Sinn wie die armen Menschen ihr Leben lassen mußten und die Obdachlosen ihre Wohnungen verloren. Durch die Angriffe auf Reichenbach sind viele Menschen umgekommen. Manche Leute konnten noch ihr Leben retten, aber worden obdachlos, weil die Bombenangriffe ihre Wohnungen zerstörten. Wenn man an den Ruinen vorbeigeht, denkt man, der Angriff war vor einer Woche gewesen. So schlimm sah es aus. Carl Werner hat sehr großen Schaden gelitten. In diesem Viertel sind viele solche Gebäudeteile zerstört worden. Jetzt aber heißt es: ,Alle Kraft zum Neuaufbau.‘ Im Südosten ist sehr viel durch die Bombenangriffe zerstört. Wir müssen noch sehr zufrieden sein, daß wir noch eine Wohnung und Kleidung haben. Die armen und obdachlosen Menschen haben ja nur sehr wenig Kleidung. Weil wir ,Ja!‘ gestimmt haben, gibt es ab August ja etwas bessere Ernährung. Die Angriffe auf Reichenbach werde ich nie vergessen."
Der Lehrer oder die Lehrerin der Reichenbacher Weinholdschule, an der Wolfgang Tiefenbach lernte, fand einen Fehler in seinem Text mit dem akkuratem Schriftbild. Nicht bekannt ist, welche Note gegeben wurde.
Der Junge wollte nach der Schule (Astro)Physik in Jena studieren und bewarb sich dreimal vergeblich. Überhaupt hatten die Geschwister Schwierigkeiten, das Abitur abzulegen oder/und zu studieren - "weil unser Vater als Richter am Reichenbacher Gericht Mitglied der Nazipartei gewesen war", wie sich Wolfgang Tiefenbachs vier Jahre jüngere Schwester Maria erinnert. In der DDR habe es keine Rolle gespielt, dass die Familie auf Initiative des Vaters während des Zweiten Weltkrieges die Schwester und die Mutter eines jüdischen Freundes versteckt habe, um sie vor dem Vernichtungslager zu bewahren. Der Vater musste dennoch nach Kriegsende 1945 wegen einer Denunziation für sechs Wochen in das Internierungslager Mühlberg an der Elbe; nach sechs Wochen kam er nach Hause - aber beruflich nie wieder auf die Beine.
Wolfgang Tiefenbach wurde später Russisch- und Geografielehrer und interessierte sich zeitlebens für die Astrophysik. 2021 ist er gestorben. ufa