Mit Adoro ist Musik grenzenlos

Fast wäre Nico Müller Koch geworden und würde jetzt an der Seite seiner Eltern Schnitzel braten in der Klingenthaler Bowling-Scheune. Statt hinterm Herd steht der 31-Jährige aber auf den Bühnen der Welt - als einer von vier Adoro-Sängern und als Solo-Künstler.

Plauen - "Ich war schon immer abenteuerlustig", sagt Nico Müller, als er zu Gast ist bei den Redakteuren des Vogtland-Anzeigers. Wichtig sei es ihm, ab und an in Klingenthal, seiner Heimatstadt, und dort der Familie nah zu sein. Die familiären Momente sind kostbar, ist er doch zwischen seinem Wohnsitz Dresden, Berlin - dem geistigen Zentrum von Adoro - Nürnberg, wo Müller Gesangstalente unterrichtet, und zig Bühnen im In- und Ausland ständig unterwegs. Begleitet wird der Sänger dabei von Chihuahua-Hündin Diva, deren zweites Zuhause die Tragetasche ist und zwischen Interview und Gesangsprobe, zwischen Autofahrt und Telefongespräch so manche Streicheleinheit abfasst. Nachts um drei noch Mails checken, Termine absprechen, stundenlange Autofahrten bis zum nächsten Auftritt, oft nur unterbrochen von einem kurzen Nickerchen auf dem Autobahnrastplatz - all das gehört zum Leben des Allrounders Nico Müller.

"Ich bin jetzt in dem Alter, wo ich das noch kann", sagt er, der vor sechs Jahren bei einem Vorsingen für Adoro ausgewählt wurde, und seitdem die Karriereleiter erklimmt - sei es in der Adoro-Formation oder als Solo-Künstler. In späteren Jahren könne er sich gut vorstellen, verstärkt als Dozent junge Talente zu unterrichten, weil er wisse, wie wichtig Menschen sind, die sich für unentdeckte, begabte junge Leute einzusetzen wissen. "Ich freue mich jedes Mal, wenn einer meiner Schüler die Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule geschafft hat", sagt der Dozent für Klassik- und Musical-Gesang und diplomierte Opernsänger.

Beim Stichwort Lehrer denkt Nico Müller an seinen eigenen Weg. Wie es sich als bodenständiger Klingenthaler gehört, spielte auch er als Kind Akkordeon. Später kam Klavier- und Gesangsunterricht dazu. Eine Schlüsselrolle im Leben des Klingenthalers spielte damals Musiklehrerin Betina Weigelt. Sie war es, die ihn anspornte, bei Musikwettbewerben von "Jugend musiziert" anzutreten, sie war es, die den jungen Mann vom Lande an Gesangsprofessoren in Dresden weiter empfahl, was schließlich zu einem Studienplatz an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden führte.

Schon als Gesangspädagogik-Student in Dresden und später an der Hochschule Franz Liszt Weimar erwies sich Nico Müller als jemand, der künstlerisch gerne mehrgleisig fährt - der sich als klassischer Opernsänger auch den Genres Pop, Jazz und Musical öffnet und so manches Projekt vorurteilslos willkommen hieß. "Ich habe nie ruhig vor mich hin studiert, habe mir mein Studium mit Singen finanziert und musste daher nicht wie andere Studenten Geld an der Kaufland-Kasse verdienen."

Mit seiner ursprünglich privaten Leidenschaft zu singen, das Leben bestreiten zu können, bezeichnet Nico Müller als Privileg, das nicht jedem Menschen gegeben werde. Und wenn die Stimmen der vier Adoro-Männer dann auch noch die Zuhörer emotional berühren, es gelingt, sie für kurze Zeit aus dem Alltag heraus zu ziehen, dann sei das "anbetungswürdig". Folgerichtig haben die jungen Sänger ihrer Formation den italienischen Namen "Adoro" - "Ich bete an" - verliehen. Crossover mit Klassik-Klang und Orchester, so will Nico Müller das Repertoire, das Adoro seit 2007 auf sechs Alben bannte und unzähligen Bühnen sang, verstanden wissen. Die Übergänge zwischen Klassik und Rock, Pop und Liedgesang sind fließend. Leider tendiere die Musikszene in Deutschland dazu, die Genres klar voneinander abzugrenzen. Wer Opernsänger ist, sollte nicht Pop machen, wer Rocker ist, kein klassisches Lied singen. "In Amerika gibt es diese Grenzen nicht. Dort sprechen sie nur von guter oder schlechter Musik."

Über diese Grenzen setzt sich Nico Müller mit Adoro hinweg. Bis vor kurzem trat der Mann mit der hohen Bariton-Stimme noch im Quintett auf - nun ist die Formation nach dem Weggang eines Kollegen nur noch zu viert. Ihr Credo ist es, große Gefühle zu transportieren - sei es mit symphonisch aufbereiteten Songs von Rosenstolz, Gröneymeyer, Westernhagen, Xavier Neidoo ... einem Ausflug in Musical und Oper oder zu Hildegard Knefs Chanson "Für dich soll's rote Rosen regnen". 1,7 Millionen verkaufte Tonträger zeigen, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist.

Der Erfolg beim Publikum ebnete Adoro den Weg zu Auftritten mit weltbekannten Stars wie Barbra Streisand, José Carreras, Joceline B. Smith und zu renommierten Orten, wie einem Open-air-Konzert unterm Brandenburger Tor, in Londons Royal Albert Hall, in Österreich, der Schweiz.

Als Solokünstler hält es Nico Müller gerne mit dem Liedgut von Robert Schumann, Franz Schubert, Gustav Mahler. Mit seinem Programm "Die schöne Müllerin" geht er auf Tour, wie auch mit der "Liedreise Elbflorenz" (17. November, 18.30 Uhr Schloss Augustusburg). Mit dem Satz "Ich weiß, wo ich herkomme" will der Bariton auf keinen Fall die Menschen im Vogtland vergessen. Ein ganz individuelles Programm hat Nico Müller daher mit seinem Konzert "Stille Nacht, heilige Nacht - Lieder zur Weihnachtszeit" - am 19. Dezember im Neuberinhaus Reichenbach zusammen gestellt. Besinnliches, Nachdenkliches dürfe sein Publikum von ihm und seiner Gesangsparterin Nicole Mühle sowie der Pianistin Marina Komissartchik erwarten.

Diese weihnachtliche Besinnlichkeit will Nico Müller drei Tage später auch zu einem Konzert in der Rundkirche Klingenthal spüren lassen - ehe er mit Eltern und der Schwester zu Hause ganz in Familie den Baum schmückt und das Weihnachtsfest begeht. Seit dem tödlichen Unfall seines jüngeren Bruders habe er gemerkt, dass das Leben mehr sei als Arbeiten. Deshalb nimmt sich Nico Müller die Zeit für Familie, für ein Glas Wein mit Freunden, seine Patenkinder in Dresden, den Sport im Fitness-Center und das Joggen mit Hündin Diva.

Info Weihnachtskonzert

Neuberinhaus Reichenbach: 19. Dezember, 20 Uhr mit Nico Müller, Nicole Mühle, Marina Komissartchik.

Karten gibt es im Neuberinhaus zu 26, 29 und 32 Euro.