Mit Abstand in die neue Spielzeit

Traditionell heißt es zum Beginn einer Spielzeit im Plauener Vogtlandtheater "Vorhang auf!". Dabei werfen die Leiter der Theatersparten einen Blick auf die neue Saison. So war das auch am Samstagabend der Fall - allerdings coronabedingt mit gehörigem Abstand - auf und vor der Bühne.

Von Ingo Eckardt

Plauen Während auf den Fußballplätzen der Republik die Kicker bereits wieder im Zweikampf körperlich auf Tuchfühlung gehen, ist das Corona-Virus scheinbar auf Kulturbühnen deutlich gefährlicher: Die Ballett-Tänzer des Theaters Plauen-Zwickau beispielsweise mussten auf Abstand bleiben - Hebefiguren und Umarmungen, gespielte Küsse und innige Tänze bleiben vorerst verboten. Im Besucherraum wurde jede zweite Sitzreihe entfernt und die Besucher saßen auf Abstand. Bis zum Platz musste eine Mund-Nasen-Maske getragen werden und die Musiker auf der Bühne saßen so weit entfernt voneinander, dass ein echtes "miteinander musizieren" selbst für die Profis schwierig schien.
Händel-Oper zweiteilig
Den Auftakt bildeten Musik und Gesang aus Händels Oper "Tamerlano", die am 31. Oktober Premiere feiert. Tenor André Gass sang die hörenswerte Arie der Oper, die wegen der Corona-Auflagen, als zweiteilige Oper auf die Bühne gestellt wird, wie Generalintendant Roland May in seiner Begrüßung bemerkte. "Ich freue mich, dass Sie - so zahlreich kann ich ja nicht sagen - heute hierher in unser schönes Theater gekommen sind", meinte der "General" mit einem Augenzwinkern.
Im Gespräch mit Annett Göhre, der Ballett-Chefin, kamen dann auch die Trainingsbedingungen unter Corona-Auflagen ins Gespräch. "Ich stehe heute barfuß hier, um wieder einmal die Bretter, die für uns ja die Welt bedeuten, spüren zu können", zeigte sich die Tanztheater-Chefin erfreut. Man konnte zwar in den letzten Monaten ein wenig proben, aber es sei extrem schwierig, wenn die Tänzer zu Hause üben müssten. Es habe auch einige blaue Flecken gegeben, weil die Wohnungen ja nicht so groß sind, wie ein Tanzsaal. Am 3. Oktober werde man mit "Auf Abstand" ausgerechnet am "Tag der Einheit", bei dem es ja um Nähe gehe, zum Thema der Corona-Abstände eine erste Premiere feiern. Einen Ausblick gab Annett Göhre auf ein zweites Ballettstück, das später in der Saison auf der "Kleinen Bühne" gezeigt wird: "Die Möwe Jonathan" nach einem beliebten Kinderbuch, sei ein Stück über Scheitern und den Versuch, seine Träume leben. Und natürlich zeigten die Tänzer auch schon einmal einen Ausschnitt aus "Auf Abstand".
Proben in Kolonnaden
Weiter ging es mit Orchestermusik unter dem Dirigat von GMD Leo Siberski, der bekannte, dass man mit kleiner Orchesterbesetzung und großen Abständen schwierig wirklich gut Stücke einstudieren könne. Für die neue Spielzeit sei man schnell bei Beethoven gelandet, wegen des 2020 ausgerufenen Beethoven-Jahres. Man habe einen "Giro de Beethoven" als Serie von Konzerten mit Sinfonien, Kammer-, Jazz- und Galakonzerten kreiert, der sicher nicht nur eingefleischte Beethoven-Fans aufhorchen lassen dürfte.
Generalintendant Roland May führte dann über ins Schauspiel. Hier probte man bisher im Ballettsaal und im ehemaligen Kino "Tivoli", was wegen der dort nicht möglichen Abstände derzeit eher schwierig sei. Man habe zusätzliche Räume in den "Kolonnaden" angemietet, was die Lage deutlich entspannt habe. "Dennoch haben wir im Schauspiel natürlich gehörige Probleme. Was machen wir bei einer Kuss-Szene oder einer Umarmung? Ich verspreche Ihnen, wir lassen uns was einfallen", so May, der mit Chefdramaturgin Maxi Ratzkowski auf das Schauspielfach blickte. Derzeit liefen die Proben zu Büchners "Woyzeck". Das Drama feiert am 9. Oktober seine Premiere. Wichtig war der Chefdramaturgin ein Hinweis auf den 12. Dezember. "Aus dem Nichts" nach dem gleichnamigen Erfolgsfilm von Fatih Akim, wird dann auf die Bühne kommen und sich mit der Aufarbeitung des rechtsradikalen Nagelbombenanschlages in Köln beschäftigt. Das Thema NSU ist nun mal bei uns - gerade auch wegen der Verbindung zu Zwickau - ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Regisseur Sebastian Sommer wird das Stück für die Kleine Bühne inszenieren. Vielleicht dürfen bis dahin ja dann wieder mehr als dreißig Besucher dort zuschauen", hofft Maxi Ratzkowski. Man habe neben dem Corona- auch einen wirklichen Hoffnungsplan, ließ Roland May wissen. Weitere angesprochene Schauspiele waren die bittere Gesellschaftskomödie "Der Gott des Gemetzels", die Axel Stöcker inszenieren wird und die Ende Januar in Plauen erstmals zu sehen ist, sowie das Jugendstück "Auf Eis", das sich mit dem Konsum von Crystal Meth beschäftigt.
Musik von "oben"
Natürlich wurde auch über das Musiktheater gesprochen. Spartendirektor Jürgen Pöckel stellte fest, dass die Sänger derzeit besonders gut klängen, nach der Corona-Pause, die doch eine gute Erholung für die Stimmen gewesen sei. Statt des geplanten musikalischen Weihnachtsmärchens "Abenteuer im Spielzeugland", das abstandsmäßig nicht auf die Bühne gepasst habe, habe man sich für ein armenisches Märchen "Nachtigall Tausendtriller" entschieden. Auch auf den kommenden Parktheatersommer warf Pöckel ein Schlaglicht: Die Musical-Comedy "Rock of Ages" soll als Sommertheater-Event zu erleben sein. Pöckel betonte, dass gerade die Theaterchöre die echten "Verlierer" der Krise gewesen seien. Um den Choristen dennoch eine Auftrittschance zu geben, sangen sie im Löwel-Foyer durch offene Türen als "Musik von oben" ein Robert-Schumann-Lied. Goethe-Texte und Musik aus "Egmont" komplettierte den musikschauspielerischen Teil des Abends, Christina-Maria Heuel und Daniel Koch agierten auf der Bühne.
Roland May zeigte sich erfreut, dass die Theater-Jugendclubs nach Monaten der Arbeit komplett im Internet nun wieder proben dürfen. Als jugendlich-dramatische Stimme kündigte May seine neue Kollegin Malgorzata Pawlowska aus Polen an. Ihre Arie aus der Oper "Manon Lescaut" rief viel Applaus hervor.