"Mich reizen die kantigen Themen"

Gerd Naumann, seit 1988 am Vogtlandmuseum in Plauen tätig, wurde unlängst vom Oberbürgermeister mit großem Lob und den Worten: "Er ist ein außergewöhnlicher Mitarbeiter…" in den Ruhestand verabschiedet. Bei ihm, so Ralf Oberdorfer, habe sich Beruf und Hobby aufs Schönste miteinander verbunden.

Von Lutz Behrens

Plauen - 31 Jahre am Plauener Museum, da kann, wenn er denn will, einer viel erzählen. Gerd Naumann begann unter Museumsdirektor Johannes Richter, dem als kommissarischer Leiter Horst Fröhlich folgte. Danach, und Naumann hüllt sich in beredtes Schweigen, amtierte Anett Schwohl, gefolgt von zehn Jahren Interregnum. 
In diesen Jahren fungierten die Museumsmitarbeiter Dr. Gabriele Buchner, Frank Weiß und Gerd Naumann als Triumvirat, jedoch ohne direktorale Befugnis. Bis dann, wenig glücklich, Dr. Silke Kral Chefin wurde, um inzwischen Dr. Martin Salesch die Chance zu eröffnen, dem Haus, wie es ihm gebührt, Profil, Substanz und Strahlkraft zu geben. Eine Einrichtung, die über viele Jahre auch geprägt, um nicht zu sagen: gezeichnet war von permanenten Rekonstruktionsarbeiten bei laufendem Betrieb und dem gravierenden Mangel an geeigneten Depots, was nicht zuletzt die geforderte wissenschaftliche Arbeit der Mitarbeiter zeitweilig auf die schiere Kraft ihrer Muskeln reduzierte. 
Gerd Naumann blickt auf seine Zeit ohne Zorn zurück. Die von ihm hinterlassenen Spuren sind eindrücklich. Vieles kann nur angedeutet werden. Seine lokalgeschichtlichen Forschungen zeichnen sich durch Tiefe, die Einordnung in den historischen Kontext und ausgeprägte Differenziertheit aus. 

Ohne plakative Urteile,
orientiert an den Quellen

Sei es zum 301 Opfer fordernden Brand in der Kartuschieranstalt im Juli 1918, zu Korvettenkapitän und U-Boot-Kommandant Werner Hartenstein, zu Plauener Antifaschisten wie Hummel und Groh, sei es zur 1938 in Brand gesetzten Plauener Synagoge oder zum Bombenkrieg, der die Stadt noch im April 1945, sechs Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Plauen und den danach folgenden seventyfive days only, am schwersten getroffen hatte - immer versucht der studierte Historiker plakative Urteile zu vermeiden, orientiert sich an den Quellen und versucht stets, zu neuen Erkenntnissen vorzustoßen.

Publikationen in
Qualität einer Dissertation

Vielfältig und kaum zu überblicken sind seine Publikationen unterschiedlichster Art. Ob in Fachzeitschriften oder als Beiträge zu Kolloquien oder in umfangreichen Monografien, die durchaus die Qualität einer Dissertation aufweisen; zu erinnern ist an sein wichtiges Buch (erschienen 1995 im Vogtländischen Heimatverlag Neupert und herausgegeben von Curt Röder) über Plauen in den Jahren von 1933 bis 1945. In der Einleitung dazu schreibt Naumann zutreffend, dass "die Wirkungsabsicht … in erster Linie darin besteht, ein der Tabuisierung in vergangenen Zeiten geschuldetes Defizit abzubauen". 2011 erscheint im (PG-Verlag Plauen-Kauschwitz), wiederum ein Tabu brechend, die sich durch zahlreiche, teils erstmalig veröffentlichte US-amerikanische Dokumente auszeichnende Arbeit über "Plauen im Bombenkrieg 1944/1945", durchaus ein Standardwerk.
Gerd Naumann nimmt für sich in Anspruch, bei seinen historischen Forschungen sich vornehmlich "den sperrigen, kantigen, widerspruchsreichen Themen mit rauer Oberfläche" zu widmen. Mit Erfolg. Seine berufliche Karriere begann Naumann nach einem Fachschulstudium mit dem Abschluss als Museologe am Leipziger Dimitroff-Museum, damals beheimatet im Gebäude des einstigen Reichsgerichtes (heute Bundesverwaltungsgericht). Dort, wo 1933 der Reichstagsbrandprozess den geschickt argumentierenden bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff obsiegen ließ über einen geifernden, wütenden Kraftmenschen Hermann Göring, immerhin zweiter Mann im NS-Staat, Reichstagspräsident seit 1932, Minister und preußischer Ministerpräsident; unvergesslich und einprägsam als Fotomontage von John Heartfield ins Bild gesetzt. Später wechselt Naumann als Dozent an die Fachschule für Museologen in Leipzig, studiert im Fernstudium Geschichte, um ab 1988 in Plauen am späteren Vogtlandmuseum als wissenschaftlicher Mitarbeiter für 31 Jahre sehr erfolgreich tätig zu werden; nur unterbrochen durch eine längere, schwere Krankheit.

Eine Vision, die als
Konzeption Gestalt hat

Über mangelnde Herausforderungen wird er sich auch künftig im Ruhestand nicht beklagen müssen. Er ist fachkundig involviert in die entstehende Festschrift zum Stadtjubiläum 2022, er bietet hochspannende Stadtführungen zur Friedlichen Revolution von 1989 an, verfolgt aber auch kundig mit Interessenten die Spuren der Rüstungsindustrie von der Plamag nach Syrau (Flugplatz) zurück. Sein Augenmerk gilt der Zusammenarbeit mit Geschichtslehrern der Plauener Gymnasien und ihm liegt am Herzen, Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit zu befähigen. Seine Liebe gehört Südtirol, der Landschaft, den Menschen, insbesondere den Tiroler Schützen (wo er sich als Fördermitglied einbringt) und dem Vogtländer Julius Mosen, der sich mit dem Andreas-Hofer-Lied als zweiter Hymne Tirols unsterblich gemacht hat. 
Und Gerd Naumann hat noch eine Vision, die er bereits konzeptionell erarbeitet hat: eine zentrale Gedenkstätte in Plauen, die an die jüdischen Mitbürger Plauens erinnert, aber auch an die in Plauen umgekommenen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter.