Melodie, Simto und Elwe

Klingenthal - Landrat Dr. Tassilo Lenk hat ein Herz für Klingenthal. Ohne ihn gäbe es wohl weder die Vogtland Arena noch das neue Schulzentrum. Doch genauso zeigt er Interesse für die örtliche Wirtschaft, weshalb er am Dienstag die ELWE Didactic GmbH in der Steinfelsstraße besuchte. Die Wurzeln dieses Unternehmens reichen dabei bis Anfang der 30er Jahre zurück, als ein Herr Reinhold Friedel aus Brunndöbra eine Radio-Reparaturwerkstatt gründete. Nach dem Krieg erweiterte er in den 50er Jahren sein Leistungsangebot, beispielsweise mit Beschallungsanlagen, und trat 1961 der 1958 gegründeten PGH "Melodie" bei. Diese konzentrierte sich in der Folge auf die Fertigung unterschiedlichster Elektronik, hauptsächlich Signal-, Mess- und Tongeräte, so dass 1964 die Umbenennung in "PGH Simeto" erfolgte. Für einen Teil der Messgerätefertigung wurde in der Steinfelsstraße ein spezieller Fertigungsbereich eingerichtet, in dem u.a. das an allen Schulen der DDR verwendete Strom- und Spannungsmessgerät "Polyzet IV" produziert wurde, das Basis für die heutige Lehrmittelfertigung war. In den 70er Jahren erfolgten die Verstaatlichung der zwischenzeitlich aus etlichen Betriebsteilen bestehenden PGH und später der Anschluss an den VEB Klingenthaler Harmonikawerke. Nach der Wende wurde durch engagierte Mitarbeiter sehr schnell die Reprivatisierung der Simeto eingeleitet, doch schon bald zwang die Konkurrenz zur Suche nach neuen Produktlinien und Auftraggebern.  Erste Kontakte zur Firma ELWE (Elektro-Lehrmittel-Werkstätten) bei Braunschweig gab es 1990, die Übernahme des Betriebsteils in der Steinfelsstraße wegen drohender Insolvenz erfolgte durch die ELWE 1992. Danach wurden im Zusammenhang mit umfassenden Investitionen hier insgesamt etwa 8000 Produkte im Lehrmittelbereich gefertigt. Doch auch die ELWE musste 2004 Konkurs anmelden, wobei der nicht von der Insolvenz betroffene Klingenthaler Betriebsteil an die 3B-Scientific-Gruppe in Hamburg verkauft wurde und seither unter Elwe Didactic GmbH mit derzeit 35 Beschäftigten und einigen Azubis firmiert. Das Sortiment wurde auf etwa 500 Produkte gestrafft. Zu Neuentwicklungen gehören Versuchsanordnungen zu Windkraftanlagen. Die Übernahme durch 3B, die weltgrößter Hersteller anatomischer Lehrmittel ist, war für beide Seiten ein Gewinn. "Letzter Schrei" dieser Zusammenarbeit und absolute Weltneuheit ist ein Geburtssimulator zur Ausbildung von Hebammen in Form eines weiblichen Unterkörpers, in dessen Inneren sich eine raffinierte und an einen Terminator erinnernde Mechanik nebst etlicher Sensoren und einem Babykopf befinden. Ein Computer mit spezieller Software und Steuerung über Sensorbildschirm erlaubt unterschiedlichste Optionen, so eine Medikamentengabe oder die Simulation von Komplikationen. Auch Dr. Lenk als Mediziner zeigte sich bei der Vorführung durch Entwicklungsingenieur Swen Dressel sehr beeindruckt.  Ebenso beeindruckte ein Rundgang durch die Firma, bei der man einen Überblick über die hochwertige Produktpalette bekam, bei der einzelne Zulieferteile, wie etwa Elektronenröhren, speziell für die ELWE gefertigt werden, da sie anderweitig nicht mehr erhältlich sind - Perfektion ist hier Ehrensache. Neben Betriebsleiter Lars Wilke war an diesem Tag Otto H. Gies aus Hamburg zugegen, Geschäftsführer von 3B scientific. Höchstens zweimal im Jahr käme er her, denn man brauche ihn hier nicht. "Die Klingenthaler kriegen alles hin, das sind sie noch aus der DDR so gewöhnt", lobte Otto Gies die hiesigen Mitarbeiter. Und mit Klingenthal hat man noch einiges vor. Gegenwärtig ist man auf der Suche nach einer ebenerdigen Produktionsfläche von etwa 800 Quadratmeter, bei der mittelfristig auch zusätzliche Arbeitsplätze entstehen können. Und schon war der Landrat in seinem Element. "Da müssten doch Fördermittel drin sein", schob er seine mitgebrachte Wirtschaftsförderin Marion Päßler vor, wobei er sich zusätzlich persönlich zu engagieren gedenkt. So möchte er sich mit dem Kultusminister in Verbindung setzen, dass Sachsens Schulen ihre Lehrmittel ausschließlich hier einkaufen, denn viele der Produkte verfügten über Alleinstellungsmerkmale. Eine Initiative, die nichts kostet, aber wertvolle Brücken bauen könnte. Bedenkenswert nur, dass hierfür eigentlich die Klingenthaler, sprich Stadträte, den Anstoß geben müssten. Für die ist so etwas jedoch kein Thema. Helmut Schlangstedt