Meister Steimle synapsiert

Plauen - Der Dresdner Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle zeigte sich in der Malzhausgalerie als gewiefter, ironischer und auch verzweifelter Beobachter der Zeiten vor und nach der Wende und als ein Werbender für die wichtigen Dinge des Lebens: nämlich die der Einfachheit.

 

Die einen überlegen, wenn sie sich etwas ausdenken, die anderen machen sich Gedanken, bevor sie etwas sagen. Uwe Steimle synapsiert, genauer, die chemischen, physikalischen und andere Verbindungen unter der Blondschopfkopfdecke laufen mit voller Leistung. Er synapsiert Wortgebilde, Formulierungen und vor allem bittere und bittersüße Wahrheiten. Dann werden diese dem Sprechorgan zugeleitet, um sie seinem hingerissenem Publikum zu offerieren.

Die Botschaft des Wortes aus Steimles Mund lautet: Die deutsche Sprache ist herrlich und der Dialekt, welcher auch immer, ebenso, weil er Heimat bedeute. "Wenn uns einst niemand mehr versteht, dann hammers geschafft", so der Dresdner breit und weich. Seine Wortschöpfung "synapsieren", sein inflationärer Einsatz der Worte "furchtbar" und "authentisch", zielgenau gesetzt wie bei einer Akupunkturbehandlung, verrieten den Wortliebhaber und Kenner, den Taktiker der Argumente und Pointenmeister. Authentisch sei das Modewort, bei dem es nicht um das Sei-Du-selber sondern nur um die Präsentation der Person auf dem Markt gehe.

Es sei vieles furchtbar, was im Land los sei, dass wieder der Adel das Sagen habe, und es wie beim gestiefelten Kater zugehe, in dessen Märchen gefragt werde, wem gehören die Wälder und Felder. Die Antwort "Graf" machte Steimle mürbe: "Die waren schon mal weg. Doch schon wieder gehört den Blaublütern unser Wald!"

Umso froher rutschte der Dresdner mit grünem Pullover und knallroter Hose, was uneitel, aber richtig schlimm und authentisch aussah, auf seinem Stuhl, als er sich noch mal über den guten Guttenberg aufregte und erleichtert dessen Abflug konstatierte. Dass der Rücktrittstermin zum 1. März geschah, also zum Tag der NVA, sah der Kabarettist als keinen Zufall.

Die oben könnten nicht mehr, die unten wollten nicht mehr, das sei doch "fuuurrschtbor". "Schauen Sie, wir im kleinen Deutschland sind 80 Millionen Leute, wir sind auf Platz drei in Sachen Rüstungsexport auf der ganzen Welt und die Terrorgefahr steigt. Wer macht hier gleich Kabarett?"

Die Dialoge der Ilse Bähnert mit Herrn Zieschong aus seiner Heimatstadt flocht Steimle geschickt, aber etwas sparsam ein, viel zu sehr war er mit dem wirklichen Leben statt dem erfundenen beschäftigt. Von der guten alten Ostsemmel schwärmte er, auf die Westsemmel hingegen schimpfte der gelernte Mitteldeutsche. "Die ist, wie so vieles heutzutage - alles nur Luft!" Auch den Kaffee trinkt der Dresdner lieber komplett als an einem Angebot aus 20 Sorten zu verzweifeln.

"Das ist mein Bauch." Anhand seines, indes nicht sehr gewölbten Prachtmittelkörpers waren die Besucher in der Galerie aufgefordert, die reichhaltige deutsche Muttersprache mitzufeiern. Denn was gibt es alles für Wörter für Bauch. Da synapsierte das Publikum und gebar von Wanst, Ranzen bis Wampe wunderbar kraftvolles Wortwerk. Steimle hielt sich den Ranzen zufrieden und tönte weiter im längst vergessen gegalubten Klassenkampf. "Lesen Sie das Buch ?Empört Euch? von dem Franzosen Hessel, machen Sie sich klar, dass man für das Gemeinwohl einstehen muss. Öffnen Sie die Augen für das Einfache."

Mit hellen Augen und zuversichtlicher Stimme überbrachte Uwe Steimle Lebenstipps. Wie glücklich man sein könne, wenn man genug Luft habe zum Atmen, wie froh man sein könne beim Besuch des Kinos, sofern ein schöner, einfacher Film laufe. "Das Labyrinth der Wörter mit Gerard Depardieu müssen Sie sehen", rief Steimle, dabei am Ende fast seinen eigenen, neuen Film am Rande lassend. "Es wäre schön, wenn da viele Leute reingehen in ?Sushi in Suhl?." Es ist eine Geschichte in der Steimle den Koch und Besitzer des einzigen japanischen Restaurants zu DDR-Zeiten spielt. "Ich spiel? den absolut authentisch."  F. Blenz