"Mein geliebtes Plauen werd' ich nicht vergessen"

Plauen - Wie kommt Gerhard Flämig, ehemaliger Großauheimer Bürgermeister und SPD-Bundestagsabgeordneter, dazu, für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn über Plauen zu schreiben?

 

Diese Frage stellte sich, als vor neun Jahren der damals 80-Jährige unsere Redaktion besuchte und eine Kopie seiner Biografie überreichte. Es brauchte nur eines kurzen Gespräches, um die Antwort zu erfahren: Gerhard Flämig ist, wie er immer wieder leidenschaftlich betont, ein "Plauener Gung". Seine Mutter war eine geborene Trömel, der Besitzer des gleichnamigen Caféhauses, ihr Onkel. Vater Flämig starb, als Gerhard neun war. Die Mutter hatte, wie viele Plauenerinnen in diesen Jahren, all ihre Kräfte aufbringen müssen, ihren beiden Söhnen eine glückliche Kindheit, trotz der schweren Jahre, bieten zu können ....

 Inzwischen ist Gerhard Flämig, der mit seiner vier Jahre jüngeren Frau Margit im hessischen Boehl-Iggelheim zu Hause ist, als Plauener Gung zahlreichen Lesern unserer Zeitung bekannt. In den vergangenen neun Jahren hat er wöchentlich über seine Erlebnisse im damaligen Plauen berichtet - und zwar von jenem Zeitgeschehen vor genau 70 Jahren. Und so nahm er die Leser mit ingesamt rund 450 veröffentlichten Beiträgen auf eine Zeitreise zwischen 1930 und 1939.

 

"Die Erlebnisse des Plauener Gung niederzuschreiben, waren immer meine Sonntagsbeschäftigung. An meinem Schreibtisch habe ich mich simultan in die Zeit vor 70 Jahren versetzt. Ich habe dabei nichts beschönigt und nichts verschwiegen, weil ich wahrheitsgetreu über meine ganz eigenen Erlebnisse schreiben wollte. Meine alten Aufzeichnungen waren eine gute Stütze. Aber beim Schreiben kamen viele, viele Erinnerungen hoch", schildert Gerhard Flämig. Die Reaktionen auf seine Beiträge seien durchweg positiv gewesen.

 

"Ich habe nie den Vorwurf von nationalsozialistischen Tendenzen gehört - das waren eine meiner Bedenken, wenn man über dieses dunkelste Kapitel deutscher Geschichte schreibt. Auch von jungen Leuten, die diese Zeit nur aus Büchern kennen, habe ich Anrufe bekommen. Sie haben gestaunt, was wir Alten so erlebt haben", erzählt der 89-Jährige.  Überschrieben ist Gerhard Flämigs Biografie, die er auch dem Plauener Stadtarchiv überließ und die die Zeit zwischen 1920 und 1944 beleuchtet, mit "Plauener Jugendjahre und ein Wiedersehen nach erzwungener Emigration".

 

Auf 111 Seiten erzählt er von seiner Kindheit, seinen Erlebnissen in der Oberrealschule, von Mutschmann und der NSDAP, von den Kommunisten und Sozialdemokraten, die er frühzeitig kennen lernte, von Max Hölz und der Geiselnahme des Trömel-Onkels, von seiner Lehre als Schriftsetzer und endet beim Wehrdienst und US-Kriegsgefangenschaft. Entlassen wurde Gerhard Flämig 1946 nicht nach Hause in die sowjetische, sondern in die amerikanische Besatzungszone nach Seligenstadt in Hessen. Später lernte er das Handwerk eines Redakteurs, ging zur Offenbacher und Hanauer Zeitung, wurde dann Bürgermeister von Großauheim. Von 1964 bis 1980 war er SPD-Bundestagsabgeordneter und saß danach bis 1983 im Europaparlament. Bis 1993 arbeitete er als Journalist.

 "Nie konnte und werde ich mein geliebtes Plauen vergessen", versichert Gerhard Flämig und erinnerte sogleich an seine aktive Teilnahme am Kampf um Deutschlands Einheit in einem freien Europa. " Jede Gelegenheit nahm ich als SPD-Politiker wahr, die Verbindung in meine Heimatstadt nicht abreißen zu lassen. Im Zuge der Politik des Wandels durch Annäherung arrangierte unser sächsischer Landsmann Herbert Wehner meine Wahl zum Vizepräsidenten der Europäischen Sozialistischen Bewegung und beauftragte mich sogar, inoffizielle Kontakte zwischen dieser und der SED zu knüpfen. das Pro und Contra der Wiedervereinigungspolitik habe ich also voll mitbekommen."

 Seine Heimatstadt Plauen hat Gerhard Flämig auch in den vergangenen Jahren mehrfach besucht und viele neue Freundschaften geknüpft. "Seit einigen Wochen macht mir meine Gesundheit arg zu schaffen. Mein Arzt meint, ich sei nicht krank nur überaltert. Da kann man nichts machen", sagt er ohne ein Fünkchen Selbstmitleid. Traurig macht ihn hingegen, wenn er ab und zu über Plauen etwas in Hessen liest. "Da ist dann von einer sächsischen Kleinstadt die Rede. Dabei war es einmal eine weithin bekannte Großstadt". Und davon will er auch künftig seinen beiden Töchtern und den fünf Enkeln erzählen. "Vielleicht liest auch einmal meine Urenkelin in meiner Biografie von Plauen in meiner Zeit." M. T.