Mehl ist das weiße Gold von heute

100 Kilo Mehl braucht es, um rund 1500 Semmeln zu backen. 100 Kilo Mehl hat in diesen Corona-Zeiten mancher Privatkunde gekauft, sagt Sebastian Gläser, Juniorchef der Elsterberger Franz-Mühle. Das "weiße Gold", das Müller in ihren Mühlen mahlen, ist derzeit von der Bevölkerung heiß begehrt.

Von Cornelia Henze

Mehl in kleinen 1-Kilo-Abpackungen, aber auch in Säcken zu 25 bis 100 Kilo gingen in den vergangenen Tagen und Wochen gut weg ab dem Hofladen in Elsterberg an der Gippe, freut sich Sebastian Gläser. Die Stammkundschaft ist auch in Corona-Zeiten erhalten geblieben, und kaufte noch einen Tick mehr als sonst. "Mit 100 Kilo Mehl kommt man lange hin", sagt der Müller. Der Fünf-Mann-Familienbetrieb bezieht hauptsächlich Weizen von vogtländischen Agrarbetrieben. Das meiste liefern die Landwirtschaftsbetriebe in Moschwitz bei Greiz und Coschütz "Am Kuhberg". Zu 80 Prozent geht Weizen ins Mahlwerk - und das Mehl, in Säcke verpackt, gelangt in vogtländische Bäckereien: Rund um Elsterberg und Ostthüringen, nach Plauen und Oelsnitz.


Zwar deckte sich mancher Privater jetzt mit mehr Mehl ein, doch an anderer Stelle wird manchmal weniger nachgefragt. Zum Beispiel sind die Cafés geschlossen, ergo wird weniger Kuchen gegessen. Und die Krankenhäuser halten in Erwartung von dringenden Corona-Fällen auch die Stationen und Betten frei: Da wo keine Patienten sind, muss auch kein Frühstück, Mittagessen und Abendbrot geliefert werden. "Der Absatz verlagert sich ein wenig", sagt Gläser. Bis vor zwei Wochen haben die Leute noch viel Brot und Backwaren gekauft. Nun mahlt die Mühle etwa zehn Prozent weniger Mehl.


Die Kollegen stöhnen unter den Überstunden ohne Ende, sagt Petra Gerber, die Chefin der Vogtland Bio Mühlen GmbH Straßberg. Sie spricht von extremen Hamsterkäufen, Sonderschicht und der Suche nach Mitarbeitern. Zwei Lageristen hat Petra Gerber jetzt für die Lagerlogistik eingestellt, doch auch die müssten erst angelernt werden. Fachpersonal zu finden, sei nicht ganz einfach. Der Verkauf von Ein-Kilo-Mehl-Tüten ist dort um 400 Prozent gestiegen. Die Straßbeger Biomühle beliefert neben der weiterverarbeitenden Industrie die Filialen der Bio-Geschäfte von Dennree sowie den Globus Weischlitz. Dort leerten sich in den vergangenen Wochen gut die Mehlregale. 14 Tage lang sei der Mehlverkauf im Mühlengeschäft extrem hoch gewesen, jetzt sei er wieder auf normalem Level, sagt Michael Klopfer, Inhaber der Lengenfelder Klopfermühle. Nach den Hamsterkäufen verhielten sich die Kunden nun eher zurückhaltend. Wer jetzt vielleicht auf Kurzarbeit ist, hat weniger Geld im Portemonnaie und greift vielleicht lieber zum Billigprodukt im Discounter statt zum Bio-Mehl, sagt Michael Klopfer nicht ohne Sorge. Rund 500 Tonnen Weizen und Roggen mahlt der kleine, traditionelle Familienbetrieb im Jahr. Er beliefert umliegende Bäcker und verkauft Ökoprodukte sowie Tierfutter in seinem Naturkostladen.


"Wir sind am Anschlag und über unseren Kapazitätsgrenzen", so Christopher Rubin, Inhaber der Rubin-Mühle in Plauen-Oberlosa. Genauso wie Mehl seien die in seiner Mühle produzierten Haferflocken und die Produkte, die von der Industrie daraus entstehen, wie Müsli, Fitnessriegel und Hafermilch, stark nachgefragt. Besonders in den vergangenen zwei, drei Wochen. Die meisten der Haferprodukte sind mindestens ein Jahr haltbar, und somit als Dauer-Nahrungsmittel für Not und Krisen bestens geeignet. Über den Kapazitätsgründen heißt, dass das Rubin-Teamteilweise die vereinbarten Liefertermine mit der Industrie nicht pünktlich einhalten kann. Obwohl auch die Rubins merken, dass die Hamsterkäufe langsam abebben, reißt der übergroße Produktionsbedarf noch nicht ab. Die nächsten drei Wochen gilt es noch, sich stauende Lieferaufträge abzuarbeiten. "Die Hamsterkäufe haben uns zugesetzt", urteilt Rubin. Gut ein Drittel des verarbeiteten Hafers geht in die hochwertige Bio-Industrie. So fertigt beispielsweise der Lebensgarten Adorf gesunde Bio-Produkte aus Oberlosaer Hafer. Auch in Müslis von Dr. Oettker und Seitenbacher steckt ein Stück Vogtland.