Marsch gegen Vergessen

Am Sonntag fand ein Marsch des Lebens statt. Zwei Teilnehmergruppen begaben sich von den Startorten Kürbitz und Kauschwitz zum Ziel Neundorf, wo eine Gedenktafel enthüllt wurde zur Erinnerung an einen SS-Todesmarsch im April 1945. Sogar ein Zeitzeuge war dabei.

Von Frank Blenz

Plauen/Neundorf - Der alte Neundorfer, der mit weiteren Bürgern am Sonntagnachmittag die Teilnehmer der Etappe Marsch des Lebens in seinem Heimatort willkommen hieß, erinnert sich noch ziemlich genau an das Jahr 1945 und ist bis heute immer noch erschüttert ob eines Ereignisses in seinem Dorf. "74 Jahre und 41 Tage ist das her. Das war eine schlimme Zeit. Wir hatten Angst, es ging drunter und drüber, es ging ums Überleben. Und dann sah ich als 12-Jähriger diesen Todesmarsch", sagt Siegfried Schenker, 87 Jahre. Mehrere hundert Menschen in Häftlingskleidung schritten, schlurften, wankten die staubige Straße durch das kleine Neundorf, flankiert von SS-Aufsehern mit vorgehaltenen Gewehren, berichtete er. Ein Mann aus der Kolonne fiel, er konnte nicht mehr, doch der Häftling wurde von einem SS-Mann, am Boden liegend, weiter zusammengetreten und mit dem Gewehrkolben geschlagen. Zwei weitere Häftlinge griffen ihren Leidensgenossen auf. So erzählt es Zeitzeuge Schenker, der froh ist, dass seit Sonntag an dieses Ereignis mit einer Gedenktafel direkt in der Mitte der Schulstraße erinnert wird. "Viele Leute im Dorf wussten das bis heute nicht, was hier geschah", sagt Mario Nixdorf, Mitorganisator vom Marsch des Lebens und Vorsitzender des Vereins JFPV, bei der Einweihung, die von weiteren Wortbeiträgen und Musik begleitet wurde. Die Teilnehmer des Lebensmarsches trugen Plakate und Fahnen, unter anderem die Deutschlands, Russlands, die von Israel, die Mahnung war eindeutig: Nein zu Rassismus, Antisemitismus und Israelhass. Die Auforderung lautete auch: "Vergangenheit bewältigen - Zukunft gestalten." Ihr Marsch durch die Landschaft über Landstraßen wurde nicht nur freundlich begleitet. Ein Mann fuhr mit offenem Fenster an dem Pulk vorbei und zeigte den Mittelfinger seiner Hand. "Das war keine freundliche Geste, wir wissen nicht, ob wir Anzeige erstatten", so Nixdorf. Die Teilnehmer des Lebensmarsches erfuhren weitere historische Fakten. 400, meist jüdische KZ-Häftlinge wurden vom Außenlager Sonnenberg des KZ Buchenwald quer durch das Land getrieben, die Alliierten rückten näher und näher, die Nazis flohen mit ihren gepeinigten Gefangenen. Der Weg des Todesmarsches endete im heutigen Tschechien. Einige der Häftlinge kamen in Plauen zu Tode. "Meinem Vater und anderen Männer wurde befohlen, diese Menschen auf dem Gottesacker zu begraben", sagte Zeitzeuge Schenker noch.