Marodes Rittergut im Kunstrausch

Das Küchenbuffet im Shabby-Look thront auf dem Klavier, das nicht mehr spielt. Auf den Tasten liegt eine mumifizierte Katze im Taubenkäfig. Holzpaletten sind Bilderwand, Regal und Kunstobjekt. Durch das Haus geistert eine stumme Magd. Eine Opernregisseurin wagt kühne Inszenierungen. Kurzum - das Rittergut Bösenbrunn wird weiter erobert von Recyclingkunst und Katze und öffnet künftig Ausstellung samt Café von Mai bis Oktober an jedem 1. Sonntag im Monat 14 bis 17 Uhr.

Von Marlies Dähn

Bösenbrunn. Vor dem Haus lässt der Frühling die Knospen explodieren. Im Haus erobern immer mehr der gut 16000 Katzen-Objekte die Etagen. An trist kalten Wintertagen haben Mitglieder des Förderverein Rittergut Bösenbrunn ganze Arbeit geleistet, Katzenkunst aus Kartons befreit und in Stellung gebracht.
Inszeniert wurde das Spektakel auf erfrischend verrückte Weise von Opernregisseurin Renate Oeser. Die Ausstellung erzählt die Geschichte zwischen Mensch und Katze, von der ägyptischen Göttin Bastet vor über 2000 Jahren, über schaurige Katzen- und Hexenverbrennung im Mittelalter bis hin zur Entwicklung der Katze als beliebtestes Haustier und Kunstobjekt.
 Mit den sieben oder neun Leben, die man einer Katze nachsagt, muss Renate Oeser zweifelsohne ausgestattet sein. Ihre Energie wirkt ansteckend. Wer in ihre Nähe kommt, muss auf der Hut sein. Manchmal ist eine Idee noch nicht einmal zu Ende gedacht, schon nimmt sie Formen an.
Da ist zum Beispiel die Geschichte mit den Paletten für die Ausgestaltung der hohen Ritterguts-Räume. Renate hielt Ausschau und wurde fündig. In Hof waren zwei junge Kerle gerade dabei, eine Bierkneipe auszubauen. Berge von Paletten stapelten sich. Dazwischen mächtige Kipper, die Sand lieferten. Renate Oeser stoppte, stellte sich knapp vor. Sie brauche dringend Paletten für ein Katzenmuseum im Osten. Zwei Stunden später rollen die Lkw in Bösenbrunn ein. Der letzte Sand war abgekippt, die Paletten aufgeladen und Renate Oeser dirigierte als Vorhut den Konvoi bis zum Rittergut.
Wenn Renate Oeser es will, schweißt ein Schmied im Dorf auch Metallgestelle alter Stühle zu Türmen zusammen für ein außergewöhnliches Katzen-Kunst-Regal. Daneben befindet sich ein nostalgischer Kachelofen. Er ist ungeliebt, denn er stehlt manchmal den Katzen-Kunstwerken die Schau. . .
Und selbst wenn sich die Sinnhaftigkeit manchen Treibens nicht sofort erschließt, hieven Vereinsmitglieder das Oberteil eines abgeschabten Küchenbuffets auf ein abgehalftertes Klavier. Auf den stummen Tasten wird der Trauermarsch geblasen für die arme Seele einer Katzenmumie. Die kam einst im staubigen Geröll des Dachgewölbes zum Vorschein, wurde schockgefrostet, aufgearbeitet und im hölzernen Tauben-Käfig inszeniert.
Das sei alles sicher ein wenig verrückt, räumt Renate Oeser ein, während sie weiter in Kartons und Schachteln kramt und Katzenkunstwerke zum Vorschein bringt. 
Staunend und ein wenig verständnislos schaute anfangs auch Vereinsmitglied Harald Wolf auf das Treiben. Doch inzwischen ist er längst infiziert vom Katzen-Museums-Fieber und von Renates Oesers Ideen.
Seit er Rentner ist, werkelt er nun fast täglich an der Seite der Professorin im Rittergut. Gemeinsam versetzen sie Berge und überflügeln sich mitunter an kreativen Einfällen, die in den Ausstellungsräumen sichtbar werden. Die Vielfalt ist atemberaubend und kaum erfassbar.
Gemälde, Skizzen, Bücher, Skulpturen, Spieluhren, katzenhafte Alltagsgegenstände, Dosen, Tassen, Taschen, Kissen, Decken oder Schmuck. . .
Katzen wohin das Auge schaut. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Katzenliebhaberinnen deutschlandweit haben beschlossen, ihre liebevoll zusammengetragenen Sammlungen dem Bösenbrunner Verein zu hinterlassen für eine wirkungsvolle Inszenierung im Katzenmuseum. Und so flatterte Vereinsvorsitzenden Christian Klemet erst jüngst wieder ein notarielles Schreiben ins Haus. Katzensammlerin Irmgard Essig von der Nordseeküste hat dem Rittergutverein ihre Sammlung "vermacht". Darunter viele bis heute noch immer nicht vollständig gesichtete Kostbarkeiten. Auch die "Altbestände" sind lange noch nicht ans Tageslicht geholt.
Soviel Katzen-Kunst lässt staunen. Doch dem Förderverein geht es um mehr. Das fast 300 Jahre alte Rittergut soll gerettet werden. Seine wahre Pracht offenbart sich unter dem barocken Mansardendach mit beeindruckendem Gebälk im offenen, durchgängigen Raum. Doch die Dachkonstruktion trägt viele Wunden, genauso, wie die Rittergutsräume darunter. Will man das Gut erhalten, muss sehr viel Geld fließen.
Denkmalschutz- und Baubehörden bestätigen das wiederholt. Ohne Eigenmittel keine Fördermittel. Da beißt sich die Katze sozusagen in den Schwanz. Im Mai will der Verein daher Verantwortliche einladen von Behörden, aus Industrie und Politik und Antworten suchen. Denn bleiben Dach und Obergeschoss so, wie sie sind, ist das Rittergut nicht zu halten.
Hoch droben unter dem uralten Gebälk von 1727 lässt Renate Oeser auf dem Treppenvorsprung die Beine baumeln und die Gedanken fliegen. Hier oben liegt die Seele des Hauses. Hier holt sich Renate Oeser Kraft, wenn es unten mal wieder zäh ist und nichts vorwärts gehen will.
Genau in solch einem Moment war es vor gut zwei Jahren, als leise beharrliche Schritte treppauf kamen. Das Obergeschoss ist für Besucher gesperrt. Man möge bitte nicht weiter gehen rief Renate Oeser mehrmals hinunter. Doch die Schritte kamen näher und näher. Stumm schritt bald darauf eine betagte zierliche Person an ihr vorbei ohne sich umzusehen oder etwas zu erwidern. Auf dem Dachboden hielt sie inne und sprach wie zu sich selbst. Magd sei sie hier einst gewesen. "Hier oben haben wir geschlafen. Schaden, dass nun alles verfällt." Dann drehte sie sich um und stieg stumm die Treppe wieder hinunter. "Ich war wie erstarrt", erinnert sich Renate Oeser. Im Dorf habe sie sich vergeblich nach der Frau erkundigt. Sie kam nie wieder.