Markneukirchner Schüler zu Zivilcourage und Gewalt

Einen aufregenden Schultag erlebten die Schüler der Klassen 8 bis 11 am Markneukirchner Gymnasium. "Berichte über Gewalt" stand auf dem Stundenplan - und diese "Lektion" sollte es in sich haben.

Eine junge Frau berichtete zunächst, wie sie Zeugin einer Vergewaltigung wurde und ebenso mutig dazwischen ging um zu helfen und dann selbst zum Opfer wurde, weil einer der Täter sie angegriffen hatte und ihr dabei von den Splittern einer Weinflasche das Gesicht zerschnitten wurde. "Nie würde ich mich wieder einmischen. Macht um so etwas eine großen Bogen", rät sie den teils geschockten Schülern. Diese waren dann umso erleichterter, als sich aber erst am Ende die Protagonisten als Schauspieler zu erkennen gaben. Im Auftrag der Unfallkasse Sachsen sind sie lediglich in ihre Rollen als Opfer und Täter geschlüpft, die sie so schon über 150 Mal an Schulen in ganz Deutschland gespielt haben.

"Unser Anliegen ist, die Schüler auf diese Weise mit dem Thema Gewalt zu konfrontieren und die Diskussion dazu anzuregen und etwas dagegen zu tun", berichtet Karsten Janz als Projektverantwortlicher. Die von den Schauspielern geschilderten Taten waren allerdings nicht nur erfunden, sondern sind leider tatsächlich so passiert.

So berichtete der dunkelhäutige Richard: Ein Freund von ihm wurde von Rechtsextremen zum Krüppel geprügelt. Ihm wird das nicht passieren, er wird künftig vor den anderen zuschlagen. "Gewalt gibt es doch seit es Menschen gibt und sie ist überall, Tausende erleben sie täglich in den Kriegen auf dieser Welt, Gewalt ist also legitim!", rief er dazu auf, Gewalt mit Gegengewalt zu bekämpfen. Viele der Schüler stimmen ihm spontan zu.

Gleich darauf äußerte der "vorbestrafte Neonazi Lützek seine Wut auf die vielen Ausländer. "Ich wurde bestraft, nur weil ich einen asiatischen Laden aufgemischt habe, wo meine Mutter ihren Job verloren hat, als die Besitzer wechselten und dort dann eine Ausländerin beschäftigten", äußert er sich und fügte jede Menge rassistischer Parolen hinzu.

Um Verständnis warb ein "Lehrer". "Meinen Beruf habe ich mit Leidenschaft ausgeübt. Aber vor zwei Jahren habe ich einen Schüler zusammengeschlagen und wurde zwangsversetzt ", berichtete er. Die Situation an der Schule desillusionierte und hatte ihn zu der Tat getrieben. "Schüler zu respektieren, aber ihnen auch Grenzen zu setzen hat leider nicht funktioniert", fügte er an. Eine "Schülerin" berichtete anschließend von einer Mitschülerin, die ihretwegen aus dem Fenster in den Tod sprang. Sprüche und Mobbing trieben sie in den Selbstmord. "Springt man gleich aus dem Fenster, nur weil einer mal was sagt, was einem nicht gefällt?", fühlt sich die Täterin zu unrecht verurteilt.

Nach einer Diskussion durften die Schüler auf entsprechenden Fragebögen eine Bewertung abgeben. Mitleid äußerten die Schüler für die junge Frau, die Zivilcourage bewiesen hat, aber fanden es nicht gut, dass sie ihre Entscheidung bereut. Vielen erschien der dunkelhäutige Richard zwar sympathisch, aber dennoch weckte er mit seinem Aufruf zur Gewalt als Selbstverteidigungsstrategie bei vielen das schlechte Gewissen.

Entsetzt reagierten die Schüler auf die ausländerfeindliche Gesinnung des jungen Neonazis. Er könne Recht von Unrecht nicht unterscheiden. Mit Befremden äußerten sich die Schüler über die aggressive Art der Schülerin, die eine Schuld am Tod der Mitschülerin von sich weist. Mitgefühl gab es für den ausgerasteten Lehrer: "Lehrer sind auch nur Menschen", meinten die Schüler. "Aber er hätte versuchen sollen über seine Probleme zu reden".

"Gewalt hat da keine Chance, wo gesprochen wird und auch nicht dort, wo auch nur ein wenig Verständnis gezeigt wird" lautete das Fazit der Akteure. "Mischt euch ein, sprecht andere Personen mit an, aber passt immer auf euch auf!" ermutigen sie die Jugendlichen abschließend zu einer besonnenen Zivilcourage.