Markneukirchen: Der "Berliner" und das blaue Haus . . .

Mit einem himmlischen Hellblau hat "der Berliner" Akzente gesetzt. Das sorgt für reichlich Gesprächsstoff zwischen Siedlerweg und Egerstraße in Markneukirchen. Denn dort befindet sich das Eigentum des 54-Jährigen - ein Ackerbürgerhof, dessen Blütezeiten lange der Vergangenheit angehören.

2006 war es, als Marco Retzlaff nach gut fünfjähriger Suche bei einer Grundstücksauktion die Hand hob und bei einem Gebot von 5500 Euro für ihn und das denkmalgeschützte Gehöft eine neue Zeitrechnung begann. "Auf dem Bild im Katalog sah es ganz gut aus", denkt der Westberliner zurück.

Es war Winter. Das Anwesen präsentierte sich gut verpackt, als Retzlaff voller erwartungsfroher Spannung, gemeinsam mit Freunden, bei einer ersten Erkundungstour bis zum Hals im Schnee versank. So fiel es etwas frostig aus, das erste "Hallo" zwischen dem Haus mit den vielen "Gesichtern" und seinem neuen Besitzer.

Auch die nächsten Versuche einer Annäherung waren zögerlich, von Zweifeln begleitet. Der alte Ackerbürgerhof sendete bedrückende Signale. Die Schäden sind viel größer, als zunächst erwartet und auch das Ausmaß des Komplexes ist kaum zu erfassen. Trotzdem begibt sich Marco Retzlaff mutig auf Erkundungstour. Er steigt knarrende Treppen hinauf, öffnet unzählige Türen, entdeckt geheimnisvolle Nischen, Verbindungs-Gänge. Er riecht die kühle Luft alter Keller, schmeckt den rußigen Rauch einer gewaltigen Schwarzküche und findet sich in einem Kreuzgewölbe des alten Herrenhauses wieder. Laubengänge verbinden den einstigen Vierseithof. Hinterladeröfen, Blockbohlenstuben und ein verborgener, weil total verbauter, Tanzsaal, kommen zum Vorschein. Zwischen DDR-Tapete und unter altem Linoleum finden sich Zeichen früherer Bewohner, die der neue Besitzer behutsam an sich nimmt und sorgsam aufbewahrt. Eine schwungvoll geschriebene "19" auf einer uralten hölzernen Zimmertür lässt die Vermutung zu, das sich hier einstmals eine Herberge befunden hat. Waren es durchreisende Kutscher, die hier im sogenannten "Kutscherhaus" von 1827 eine kurzzeitige Bleibe gefunden haben?

Eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart lässt sich hier bauen, für einen, der die Mühe nicht scheut und bereit ist, sein Herz dafür zu öffnen. So ein Gefühl erwartungsvoller Freude mischt sich unter die Zweifel. Marco Retzlaff lässt sich nicht vertreiben. Sein Interesse ist geweckt. Er wird sich der Herausforderung stellen, auch wenn sie um so Vieles größer ist, als er ursprünglich erwartet hatte.

 Der selbstständige gelernte Fernsehtechniker weiß, was er kann. Einst hatte er, noch sehr jung an Jahren, ein altes Fachwerkhaus saniert. Als es später für seine drei Kinder und die Lebenspartnerin zu klein wird, baut er in Berlin ein Eigenheim. Doch die Möglichkeiten, zu werkeln, um- und anzubauen, sind bald erschöpft. Die Befriedigung, sich an dem zu freuen, was man mit der eigenen Hände Arbeit schaffen kann, fehlt. Die Kinder sind groß und stehen auf eigenen Beinen. Und so treibt es den Westberliner, sich endlich wieder selbst zu finden. Wenn es sein soll, auch im Vogtland, in der Kleinstadt, bei der Eroberung eines alten Ackerbürgerhofes.

Je öfter Marco Retzlaff in den nächsten Wochen und Monaten von Berlin aus ins Vogtland startet, um so freundlicher begegnet ihm das alte Anwesen. Nur ab und zu stellt es sich sperrig. "Wenn ich an einer Stelle nicht weiter komme, fange ich eben an einer anderen an", lacht der Hobbyhandwerker. Behutsam arbeitet er sich vorwärts. Er lässt sich nicht drängen, weil ihn nichts drängt. Zeichen seines Schaffens fügen sich natürlich ein und sind manchmal erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Sorgsam geschichtete Bruchsteinmauern, ein mit Naturstein gepflasterter Weg, eine farbig gekalkte Tür oder der Berliner Rosenstock, der im Wildwuchs der Vogtlandwiese wie selbstverständlich Wurzeln schlägt?.

Marco Retzlaff hat noch viel vor. Sorgenvoll blickt er auf das imposante Scheunentor des Kutscherhauses. Das Tor soll restauriert werden. Das denkmalgeschützte Gebäude muss vor dem Winter bautechnisch gesichert sein, weil Denkmalschutzmittel keinen Aufschub dulden. Doch die Zusammenarbeit mit der heimischen Zimmerei von Heiko Diehr lässt den Berliner an einen guten Ausgang glauben.

Drei Jahre sind ins Land gegangen nach dem euphorischen Baustart im Mai 2006, bei dem viele Freunde als Helfer mit anpackten. Verschwunden sind die abschreckenden Plumpsklos. Die sogenannte Scheune, der einzige Gebäudeteil, der nicht unter Denkmalschutz steht, ist zu einem wohnlichen Heim geworden. Hier ist Platz genug, auch für Freunde.

Freunde hat der Berliner inzwischen auch zwischen Egerstraße und Siedlerweg gefunden. Bei einem Glas Bier lassen sich prima Pläne schmieden. So trifft man sich in Gedanken längst im schmucken Weinkeller unter dem sanierten Kreuzgewölbe. Die störenden Trennwände im einstigen Saal sind verschwunden. Zwischen den Holzsäulen auf dem Sockel aus Stuck tanzen froh gelaunte Menschen. Wer über Nacht bleiben möchte, kann nicht nur hinter der uralten Tür von Nummer 19 Quartier finden. Und in den noch unerforschten Kellergewölben oder auf dem riesigen Dachboden lauern weitere Träume, die verwirklicht werden können . . .

Doch zunächst hat Marco Retzlaff mit dem himmlischen Blau auch äußerlich das Zeichen der Bewohnbarkeit gesetzt. Und vielleicht schließen die Bewohner zwischen Egerstraße und Siedlerweg damit Freundschaft, so wie es der alter Ackerbürgerhof mit Marco Retzlaff, seinem neuen Besitzer, längst getan hat.  Marlies Dähn