Mario, Benno und die Freiheit

Noch 500 Kilometer Weges entlang des Grünen Bandes liegen vor dem Plauener Mario Goldstein. Um den 20. August herum wird er, nach vielen aufregenden Begegnungen, die Ostsee erreicht haben. Einen Small-Talk am Wegesrand gab es schon mit dem Brocken-Benno, mit der Brocken-Hexe noch nicht.

Plauen - "Ein cooler Typ. Fit und durchtrainiert", sagt Goldstein anerkennend von dem 86-Jährigen, der seit 30 Jahren täglich auf den Brocken kraxelt. 8.515 Mal war er schon oben. Was den Mario und den Benno verbinden, möge der große Freiheitsdrang sein und der Wille, sich nicht abgegeben zu haben damit, dass Deutschland einst durch Mauer und kilometerlangen Grenzstreifen, das heutige "Grüne Band", getrennt war.

Goldstein, der drei Republikfluchten unternahm, machte sich nach der Wende auf in die große weite Welt, um die Sehnsucht von der Freiheit zu stillen. Benno machte seinen Traum von Freiheit wahr, indem er täglich den Berg erklimmt, dessen Besteigung den DDR-Bürgern nicht wegen der Höhe, sondern wegen der dort verlaufenden Grenze versagt blieb.

Sieben Wochen lang wird Goldstein auf seiner Wanderung auf Menschen treffen, die deutsch-deutsche Geschichten erzählen können, er trifft auf Grenzgänger - und das nicht nur in politischem Sinne. Manche Begegnungen, wie die mit Naturfreund Ole Anders, der in Sachsen- Anhalt hilft, Luchse auszuwildern, sind mit dem Auftraggeber der Wanderung, der Stiftung für Umwelt, Natur- und Klimaschutz Sachsen-Anhalt, abgesprochen, Interviews und Filmaufnahmen für die Multimedia- Show geplant.

Andere erlebt Mario Goldstein spontan. So sei er auf der Strecke schon auf den 82-jährigen Hannoveraner Klaus und auf die 73-jährige Evelyn Böhm getroffen - einer Leipzigerin, die später in München lebte und nun ihren Lebensabend im Harz verbringt. Neben der politischen Brisanz, die das "Grüne Band" von Sachsen bis zur Ostseeküste verbindet, stehen Natur, Flora und Fauna im Vordergrund.

Mit Ole Anders hat Goldstein sich in dem 1,5 Hektar großen Luchsgehege auf die Lauer gelegt, bis Pinselohr sich blicken ließ. 90 Luchse sollen im Harz mittlerweile wieder leben. Auch mit dem Wolf und denjenigen Menschen, die Isegrims Renaissance in den Wäldern befürworten, soll es ein Tête-à-Tête geben.

"Oft laufe ich auch ganz allein. Dann singe ich vor mich hin", verrät der Plauener. Obwohl: Allein - stimmt nicht wirklich. An Goldsteins Seite immer seine weiße Hündin Sunny, die ihren Herrn schon über sieben Meere, zum Dalai Lama und nach Kanada begleitet hatte: Auf dem Katamaran, per Floß und im Wasserwagen. Erstmals aber muss Sunny viel, viel laufen und mit Herrchen Schritt halten.

Rund 25 Kilometer legen die sechs Beine täglich zurück auf dem mit Betonplatten gepflasterten Kolonnenweg - einem Relikt des einstigen Todesstreifen, der sich zum wundervollen Biotop gewandelt hat. Dazu kommt ein um die 20 Kilo schweres Gepäck. Zelt, Schlafsack, Verpflegung. "Heute habe ich mich eingedeckt mit Essen, denn ich werde zelten", hat sich Goldstein für den Montagabend vorgenommen. Die ersten 100 Kilometer hat Goldstein bald abgelaufen.

Hornberg, Rothesütte, den Harz und das "Große Bruch", ein Feuchtgebiet zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, liegen hinter ihm. Demnächst wird er den Naturpark Drömling erreichen. Dort wird Mario Goldstein auf ein Drehteam treffen. In der dritten Woche macht der Plauener Station im Grenzmuseum Böckwitz-Zicherie und beim Mauerrest bei Waddekath.

Entlang des Cheiner Torfmooses über Salzwedel, der Wirler Spitze bis zur Elbe wandert Goldstein in der vierten Woche bis er am 2. August auf Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert trifft und von dort die vorletzte Etappe zur Ostsee antritt. Die letzte ist den Vogtländern vorbehalten: Am 25. August wandert Goldstein mit Jedermann ein Stück des Grünen Bandes.