Manchmal Hase, manchmal Igel

Die Bude, in der Ulrich Spranger produziert, kann man sich mieser nicht vorstellen. Aber er ist zufrieden, dass er das abrissreife Haus von der Stadt kaufen konnte. Allerdings ist das 32 Jahre her. Am Montag empfing er die Mitglieder des Wirtschaftsförderungsausschusses auf seinem Firmensitz im Reißiger Gewerbering. Und die kamen aus dem Staunen nicht heraus.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Das Bild der Gluckstraße, in dem Ulrich Spranger 1987 seinen Sprung in die Selbstständigkeit wagte, könnte kein größerer Kontrast zu dem Areal im Reißiger Gewerbering sein, auf dem der Gründer und Gesellschafter Ulrich Spranger mit seinem Team von 35 Leuten Produkte herstellt, die in buchstäblich jeden Winkel der Welt gehen. "Kunststoff Spranger" ist inzwischen ein Begriff, "wir sind in der Szene bekannt wie ein bunter Hund", wird der Chef später sagen. 

Eine Firma ist nur
zeitweise erfolgreich

Zunächst stellt er zur Verblüffung seiner Gäste fest, dass es keine erfolgreiche Firma gibt. Jede Firma sei nur zeitweise erfolgreich. Das macht er an zweierlei Dingen fest. Zum einen "wurde der Boden unter unseren Füßen in den letzten 100 Jahren vier Mal mit unterschiedlichen Firmen bebaut". Will heißen, keine blieb für die Ewigkeit. Und zum anderen weiß Spranger nur zu gut wie es sich anfühlt, kurz vor dem Abgrund zu stehen - in aller Regel durch selbst kaum zu beeinflussende Entwicklungen. 
Jüngstes Beispiel: In einer seiner Hallen türmen sich riesige Gefäße, bestellt von der Stadt Hamburg. Die Berechnungen eines mit der Hansestadt kooperierenden Instituts erwiesen sich als falsch, das gesamte Projekt geriet ins Schlingern. Glücklicherweise keine existentielle Bedrohung für das Plauener Unternehmen, das aber immerhin erst mal auf Kosten in beträchtlicher Höhe sitzenbleibt. Von den geistigen Investitionen der Ingenieure bei Spranger ganz abgesehen. "Wir müssen den Schaden irgendwie auffangen", sagt Spranger beim Rundgang durch die Werkhallen, "mein Sohn düst momentan fast rund um die Welt." 
Zwei Jahre habe man fast nur Sichtwerbung gemacht", erinnert sich Spranger an den Neustart nach der Wende. "dann haben wir unser Geld im Wasserbau, im Hoch- und Tiefbau, der chemischen und Papierindustrie, dem Kraftwerksbau und der Reinstraumtechnik gemacht." Doch ein Großteil dieses Marktes existiere mittlerweile gar nicht mehr. Beim Erzählen erweist sich Spranger fast als Dramaturg. "Und wie gings denn nun weiter? Diese Frage steht den Ausschussmitgliedern buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Es ging weiter. Mit intensiven Kontakten zu den Zentren der internationalen Forschung und Entwicklung, mit ausgewählten Vorhaben der Aquakultur. Der Bereich geht weltweit senkrecht durch die Decke", sagt Spranger und verweist auf Projekte in Skandinavien, in Israel, Lateinamerika, China, den Scheichtümern. 

International ein
Staubkorn im Wind

"Die Forschungsstätten in Saudi-Arabien nehmen eine Fläche ein, so groß wie alle Gewerbegebiete Plauens zusammen", sorgt er wieder mal für fast ungläubige Gesichter. "In Sachen Aquakultur sind wir in unserem kleinen Bereich national führend, international ein Staubkorn im Wind", macht er die Relationen deutlich. Der Exportanteil der Anlagen beläuft sich auf derzeit 75 Prozent - der müsse deutlich wachsen, schiebt Spranger nach.

Schnelles Internet
ist existentiell

Und damit ist er bei einem Problem, das den Abgeordneten zwar auf den Nägeln brennt, aber wohl nur selten so plastisch im Wortsinne vor Augen geführt wurde. Auf der Leinwand erscheint das Bild einer großen Anlage. Beim Heranzoomen zeigen sich zahllos viele Einzelheiten, schließlich sind die verschieden großen Schrauben samt Unterlegscheiben zu sehen. "Alle unsere Produkte entstehen zunächst am Rechner. Die Kunden wollen genau sehen was sie kaufen. Das heißt, zwischen Singapur und Plauen Reißig gehen mehrmals täglich acht bis zehn Gigabite hin und her. Für uns ist ein schnelles Internet existentiell wichtig. Ohne dem ist hier in absehbarer Zeit der Ofen aus." Er gönne jedem sein hochauflösendes Heimkino, aber hier geht es um die Chance, am Markt zu bleiben. Und der ist beinhart, auch vor dem Hintergrund, dass Spranger kaum noch geeignete Monteure findet. "Deshalb fertigen wir so weit vor, dass der Kunde nur noch den Container öffnen braucht und fertig."
Und wenn Spranger erst mal ins Erzählen kommt, ohne auch nur einen Augenblick zu langweilen, dann erfahren die Gäste auch seine Meinung zum Thema Steuern. "Mit den Hebesätzen sollte das bisherige Maß nicht überschritten werden", sagt er vor dem Hintergrund, dass Firmen, die ähnliche Produkte wie er produzieren, in manchen Ländern zu 98 Prozent vom Staat gefördert werden. "Da kannste als Unternehmer kaum noch was falsch machen", grinst Spranger, der regelmäßig an europa-und weltweiten Ausschreibungen teilnimmt. Wahrscheinlich wegen des Erfolges bleibt er dabei gelassen;: "Manchmal sind wir der Hase, manchmal der Igel."

Wir gaukeln den Fischen
Jahreszeiten vor

Beim Rundgang lernen die Abgeordneten die in aller Welt begehrten Anlagen kennen. Die Kreislaufanlagen gelten als die Formel 1 der Branche. Hightech pur. Einen Teil der Anlagen knobelten die Ingenieure von Spranger selbst aus - weshalb die eine auch "Plauen", die andere "Vogtland" heißt. In den Kreislaufanlagen zirkuliert Wasser zwischen Halterung und Aufbereitung. Pro Kubikmeter Wasser können bis zu 300 Kilogramm Fisch gehalten werden. "Wir gaukeln den Fischen hier die einzelnen Jahreszeiten vor", erklärt Spranger beim Stop vor einer der Anlagen. "Wir verarschen sie gewissermaßen, damit sie schneller laichen." Nur selten spendeten die Ausschussmitglieder einem Vortragenden so herzlichen Applaus.