MAN Plauen droht das Aus

MAN in Plauen ist von der Schließung bedroht. Der Konzern will 9500 Stellen streichen, rund 1,8 Milliarden Euro einsparen. Geschlossen werden sollen neben Plauen der Standort Wittlich und der Produktionsstandort in Steyer. Die Nachricht schlug in Plauen ein, wie eine Bombe.

Von Marlies Dähn

Plauen "Alle fünf Jahre dieselbe Scheiße", ruft Thomas Knabel wütend ins Megafon. Ein Teil der eilig zusammengetrommelten Belegschaft hat vor dem Werktor Aufstellung genommen. Die Nachricht, dass nun schon zum dritten Mal Schluss sein könnte mit MAN in Plauen, erfuhr die Belegschaft auf Umwegen. Betriebsratsvorsitzender Marcus Galle war bereits Donnerstag nach München zur Konzernleitung beordert worden. Als man dort Freitagmorgen am Gesprächstisch saß, ließ die Konzernleitung über die Medien die Nachricht vom Stellenabbau verbreiten.
"Eine unglaubliche Sauerei", kommentierte das gestern auch Sebastian Nowra von der IG Metall Zwickau. Die Gewerkschaft wollte die Männer und Frauen im Vogtland mit dieser Hiobsbotschaft vor dem Start ins Wochenende nicht allein lassen und hatte zum spontanen Protest vor das Plauener Werkstor geladen. Angespannt, betroffen und auch kämpferisch tauschten die MAN-ler die dürftigen Informationen aus. Fahnen wehten, Trillerpfeifen alarmierten. Die Stimmung heizte sich auf.
Michael Heumann, Mitglied im Betriebsrat, hatte Fahnen verteilt und Schlauchtücher mit IG Metall-Aufdruck. Eiskalt erwischt habe diese Nachricht die Belegschaft. Die Schließungspläne seien nicht nachvollziehbar. "Die Auftragsbücher sind voll", sagt er. MAN schreibe schwarze Zahlen. Man habe sich nach drohender Schließung in den letzten fünf Jahren hart erkämpft nach oben gearbeitet. Die Belegschaft stand zusammen.
"Wir sind in Schockstarre", sagt trotzig Nico Beck. Auch er gehört zum Betriebsrat. Der zweifache Vater blickt nun, wie seine Kollegen auch, in eine ungewisse Zukunft.
Aus dem fernen München lösche man eiskalt einen funktionierenden Standort aus. "Rasenmäher-Methode", empört sich dazu Michael Heumann.
Der Nutzfahrzeughersteller MAN Truck & Bus mit 37.000 Mitarbeitern in Europa hatte Freitagmorgen eine "konsequente Neuaufstellung des Unternehmens" angekündigt, verbunden mit erheblichen Einschnitten. Nach einer Mitteilung aus der Konzernzentrale in München stehen bis zu 9.500 Stellen zur Disposition. Neben dem Produktionsstandort Steyr (Österreich) sind Plauen und Wittlich (Rheinland-Pfalz) betroffen.
Über ein Sparpaket wurde länger gemunkelt. Trotzdem löste die Nachricht im Vogtland Staunen und Empörung aus. Noch am 8. Juli hatte das MAN Bus Modification Center Plauen den Einstieg in den Aus- und Umbau von Elektro-Fahrzeugen angekündigt. Das entspricht der beabsichtigten Neuausrichtung bei MAN Truck&Bus. Auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) hatte bei einem Rundgang am 8. Juli in Plauen von einer "guten Entwicklung des Standortes Plauen" gesprochen. Die Nachricht, dass Plauen jetzt zur Disposition steht, käme überraschend, so das Wirtschaftsministerium am Freitagmorgen. Dulig werde sich schnellstmöglich informieren und umgehend dazu äußern.
MAN begründet die Einschnitte mit einer "ohnehin angespannten Ertragslage", die sich durch die Coronakrise verschärft habe. Im ersten Halbjahr habe der Konzern 387 Millionen Euro Verluste eingefahren. Die Betriebsräte seien am Freitagmorgen informiert worden. Dabei sollen "Details über eine sozialverträgliche Vorgehensweise" mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt werden.
Mißmanagement warf Thomas Knabel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau, der Konzernleitung gestern vor und kündigte an, am Montag vor Ort weiter Klartext zu reden. Auch er war im Juli 2020 beim Dulig-Besuch mit vor Ort. Schon damals hatte er angemahnt, gemeinsam Verantwortung dafür zu übernehmen, diese guten Arbeitsplätze zu sichern und zukunftsfeste Ideen zu entwickeln. Gemeinsam heiße, dass Unternehmen und Landesregierung in der Pflicht sind, ihren Beitrag zu leisten, um Perspektive und Zukunft für die Kolleginnen und Kollegen bei BMC - vormals Neoplan - langfristig zu erhalten. Denn der zum VW-Konzern gehörende Lastwagenbauer MAN hatte bereits vor Beginn der Corona-Pandemie massiven Personalabbau angekündigt.
Geschockt von der Nachricht stellten sich auch Plauens Wirtschaftsförderer Eckard Sorger und Baubürgermeisterin Kerstin Wolf an die Seite der Protestierenden. Man werde erneut alle Hebel in Bewegung setzen, um Plauen nun zum dritten Mal vor der Schließung zu retten. CDU-Stadtrat und Fraktionsvorsitzender Jörg Schmidt will sich umgehend mit Sören Voigt in Verbindung setzen und Kontakte zu Ministerpräsident Michael Kretschmer herstellen, um zu retten, was zu retten ist.
Während seine Belegschaft voll Wut und Trauer vor dem Werktor stand, um vereint und lautstark im Beisein der IG Metall Protest anzumelden, blieb MAN Standortleiter André Körner im gläsernen Bürogebäude und war auch für Medienvertreter nicht zu sprechen.