"Man lernt, was wichtig ist im Leben"

Es gibt zahllose Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren. Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt zu begleiten, stellt eine besondere Herausforderung dar. Über 40 Plauener tun dies, mit zwei von ihnen unterhielten wir uns.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - "Bei uns wird viel gelacht", sagt die langjährige Koordinatorin des Hospizdienstes, Maria Meinel. Aber der Tod, auch der Weg dahin, ist doch eine traurige Sache und selbst im Gespräch mit den beiden Hospizhelferinnen ist man zunächst um eine besonders pietätvolle Mimik bemüht. Allerdings: Das eine schließt das andere nicht aus. "Wir leben einfach", fügt Frau Meinel an und diese wenigen Worte beziehen sich auch und vor allem auf den Umgang mit jenen Menschen, zu denen die Hospizhelfer gerufen werden. 
Ob sie Angst vor dem eigenen Tod, dem eigenen Sterben hat? Nein, sagt Daniela Heck ohne zögern. Dabei helfe ihr der christliche Glaube, fügt die 46-Jährige hinzu. Aber ja, vor langer Krankheit und damit verbundenen Schmerzen fürchte sie sich schon. "Nicht mehr", antwortet Elke Korn auf die gleiche Frage. "Ich habe mir viele Gedanken gemacht und nun bezieht sich die Angst nur noch auf langes Leidenmüssen. 

Ins kalte Wasser
wird niemand geworfen

Die beiden Frauen sind seit nicht allzu langer Zeit Hospizhelferinnen - ohne Wenn und Aber. Was das bedeutet? Beide haben einen entsprechenden Grundkurs absolviert, ein Praktikum, einen Vertiefungskurs. Danach entscheiden die Teilnehmer, ob diese besondere Art des Ehrenamtes für sie in Frage kommt oder ob sie andere Prioritäten setzen möchten. 
Die beiden Plauenerinnen haben sich entschieden und gehören nun zum großen Kreis der Ehrenamtlichen, freut sich die derzeitige Koordinatorin des Hospizdienstes, Manuela Schoger. "Ins kalte Wasser geworfen" wird dennoch niemand. Die ersten Besuche steht den Neuen ein erfahrener Hospizhelfer zur Seite. Später werden die Hilfsbedürftigen - in der Regel ein Mal wöchentlich - zu Hause, in Pflegeheimen oder den Palliativeinrichtungen von Kliniken besucht. Der erste Kontakt kommt auf verschiedene Weise zustande - über Vermittlung durch das Brückenteam, das eng mit dem Hospizdienst in Trägerschaft der Malteser zusammenarbeitet, über Pflegeheime, Hausärzte oder auch Angehörige. 
Oberstes Prinzip: Der Betreffende selbst muss einverstanden sein. "Nein, man unterstelle niemandem was Schlechtes, aber wenn die (drängende) Initiative ausschließlich von Angehörigen ausgeht, dann leuchten bei uns zuweilen die ‚roten Lampen‘ auf", macht Frau Meinel deutlich. 
Unmittelbar mit dem Tod konfrontiert wurden bislang weder Frau Heck noch Frau Korn. Daniela Heck besucht wöchentlich eine noch recht aktive Dame. Die Mittsechzigerin weiß von ihrer unheilbaren Krankheit, mit der sie im Wortsinne allein ist. Eine weitere Therapie hat sie abgelehnt, Angehörige gibt es nicht, die letzte Freundin ist unlängst verstorben. "Sie hatte eine klare Vorstellung, was sie von mir erwartet - nämlich rausgehen, die frische Luft genießen." 

"Gute Gespräche, 
die Chemie stimmt"

Fünf Mal hat Frau Heck die Seniorin bislang besucht. "Wir hatten gute Gespräche, ich glaube, die Chemie passt", sagt die Hospizhelferin. Und wenn nicht? "Beide Seiten haben die Möglichkeit, die Zusammenarbeit zu beenden, wenn es Schwierigkeiten gibt", weiß Frau meinel aus jahrzehntelanger Erfahrung. Dabei können Geräusche eine Rolle spielen, die ein Todkranker verursacht, Gerüche, oder auch Haustiere, gegen die der Betreuer eine Allergie hat. Aber all diese Probleme werden auch regelmäßig während der Supervisonen besprochen, also einer Art Gesprächskreis, zu dem sich die Hospizhelfer mit der Koordinatorin zusammenfinden. 
Elke Korn betreut eine Seniorin Mitte 70, ebenfalls allein lebend. "Eine lustige Person die sich freut, wenn ich sie in den Abendstunden besuche", sagt sie. Die verbleibende Lebenszeit der beiden Betreuten misst sich noch nicht nach Tagen oder Wochen, weshalb Maria Meinel auch anmerkt, dass akute Fälle stets Vorrang haben. In der Regel dauere die Betreuungszeit zwischen einem Jahr - und ja - auch einer Woche. 
Wer dem Tod buchstäblich nicht ins Auge zu blicken vermag, für den ist diese Form des Ehrenamtes wohl eher kaum geeignet. Menschen ohne Berührungsängste, aufgeschlossen und vorurteilsfrei, sind allerdings herzlich willkommen. Mehr noch, sie werden dringend benötigt. Denn zwar engagieren sich derzeit 43 Hospizhelfer in Plauen, Oelsnitz und dem oberen Vogtland, dennoch ist die Decke zu dünn. Vor allem an männlichen Betreuern - bisher gibt es zwei - mangelt es. Eine bestimmte Konfession ist übrigens keine Voraussetzung.

Hoffnung ist ein großes 
Wort - sie verändert sich

Ist es unabänderlich, über den Tod zu sprechen? Es sei nicht Aufgabe der Hospizhelfer, Dinge aufzubrechen, über die der Betreffende nicht sprechen möchte, sagt Elke Korn. "Wir bemühen uns, den Alltag dieser Menschen ein stückweit zu gestalten, gehen spazieren, lesen vor, singen oder beten gemeinsam." Und ja - siehe oben - dabei wird auch hinreichend gelacht.
Dürfen sie Hoffnung geben, wo keine mehr ist? "Hoffnung ist ein großes Wort", sagt Maria Meinel nachdenklich. "Hoffnung verändert sich. Sie richtet sich auf eine erfolgreiche Chemo und wenn diese nicht anschlägt, hofft man, keine Schmerzen leiden zu müssen, die Geburt des ersten Enkels noch zu erleben, die Angehörigen in den letzten Stunden um sich zu wissen."
Woraus Frau Meinel auch kein Hehl macht: Nicht jeder Mediziner, nicht jeder Pfleger kann mit Tod und Sterben hinreichend umgehen. Allerdings habe sich da in den letzten Jahren vieles zum Positiven geändert, nennt die ehemalige Koordinatorin als Beispiel vor allem das Personal der Palliativstation im Helios Vogtland-Klinikum.

Schuld und Nichtschuld
spielen keine Rolle mehr

In den Kursen werden die Hospizhelfer bestmöglich auf Grenzerlebnisse vorbereitet. "Da geht es auch um eigene Verluste, die jeder schon erlitten hat", sagt Manuela Schoger. "Der Tod ist der letzte große Verlust und in diese Situation müssen sich unsere Mitarbeiter einfühlen. Es macht schon einen Unterschied, einen Hochbetagten zu begleiten, oder einer Frau die so alt ist wie man selbst. Wir haben nicht auf alles eine Antwort, aber wir müssen Situationen aushalten und nicht davonlaufen."
Auf der allerletzten Lebensetappe spiele auch keine Rolle, ob der Betreffende als Kettenraucher eine Mitschuld an seinem Krebsleiden hat, oder ob er in seinem Leben strauchelte. 
"Schuld und Nichtschuld spielen in diesem Moment keine Rolle mehr", sagt Maria Meinel. Ist der Hospizhelfer also ein ständig nur Gebender? "Die eigenen Prioritäten ändern sich, man lernt, was wichtig ist im Leben. Die Werte verschieben sich, vor allem aber bleibt eine Mücke eine Mücke und wird nicht zum Elefanten, sagt Maria Meinel. "Der Begriff Hospiz", fügt sie an, "stammt aus dem Mittelalter und stand damals für Hilfs- und Gastfreundschaft. Darum geht es."
Datenschutz wird übrigens sehr ernst genommen. Auch die Hospizhelferinnen nennen zu Hause keine Namen der von ihnen Betreuten. "Ich sage meinem Mann immer, ich gehe wieder zu Besuch", sagt Elke Korn. Und dass es sich dabei um keinen Pflichtbesuch handelt, sieht man in ihren Augen.