Luftballon gegen Ölteppich

Lengenfeld/Chemnitz - Gute Erfindungen sind nicht nur Ausdruck höchster Kreativität. Sie bereichern das Leben und vereinfachen dieses im besten Fall sogar. Einer dieser klugen Köpfe mit vielen Ideen ist Jost Schalling - ein Chemnitzer im Vogtland.

 

"Eine Erfindung besteht zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration." Diesen Satz von Thomas Alva Edison, dem Urvater aller Erfinder wiederholt Jost Schalling vielsagend, als ginge es darum, sein eigenes Schaffen in einem Satz zusammenzufassen. Tatsächlich ist Schalling seit über zehn Jahren Erfinder und er hat Erfahrung gesammelt auf diesem Gebiet, positive und eben auch negative.

 Um die Jahrtausendwende herum war es, die Welt blickte auf ein neues Zeitalter, als dem Chemnitzer eine Idee kam. Er arbeitete damals noch bei Höchst in Frankfurt und hörte eines Tages auf Arbeit die Geschichte einer Frau, die in der Toilette ihrer Wohnung im vierten Stock eine Ratte vorfand. Schalling erfuhr, dass in manchen Neubauten, die Abwasserrohre im Keller einen halben Meter dick sind und der Zwischenfall daher keine Seltenheit sei.

 Der gelernte Mechaniker überlegte: "Ist es möglich, das Rattenproblem zu lösen und eventuell sogar eine patentreife Erfindung zu kreieren?" Der Einfall, der Schalling kam, war genauso simpel wie genial. So entwickelte der Tüftler eine in das Abwasserrohr einzubauende Klappe, die mittels eines Gewichts den Abfluss verschließt und sich nur dann öffnet, wenn eine mechanische Kraft, in Form von Abwässern, von oben dagegen drückt. Von unten kommende Ratten hätten keine Chance. So weit die Idee.

 In der Praxis baute Schalling zunächst ein Modell und machte sich mit dem deutschen Patentwesen vertraut, welches hinderlicher ist, als der Mann geglaubt hatte. "Man muss in der Patentanmeldung alle Einzelheiten aussparen, die das Patent genau beschreiben", informiert Jost Schalling über die Tücken des Erfinderberufes. "Wenn ich schreibe, ich male meine Erfindung blau an, kommt jemand, der das selbe Gerät in rot anbietet und schon hat er ein neues Patent." Auch die Finanzierung gestalte sich schwierig. Die Erstbeantragung in Deutschland koste 1000 bis 4000 Euro im Jahr, eine europaweite Verlängerung würde schon mit etwa 35 000 Euro zu Buche schlagen. Ein Aufwand, den nahezu kein Erfinder aus Eigenmitteln begleichen könne, wie der sympathische Sachse mit einem amüsierten Unterton in der Stimme anmerkt.

 Wichtig sei deswegen eine Zusammenarbeit mit solventen Firmen, die für die Idee eines Erfinders Geld bezahlen und ihn in seiner Arbeit unterstützen. Zumindest sei dies wünschenswert. In der Wirklichkeit zeige sich allerdings, dass auch ein Erfinder sehr stark von wirtschaftlichen Interessen abhängig ist, wie an einer weiteren Idee von Jost Schalling zu sehen ist.

 So entwickelte dieser eine luftballonähnliche Kapsel, die das Aufsaugen von Öl mittels eines speziellen Granulats ermöglicht. Der Vorteil dieser Erfindung sei, dass sie kaum etwas koste, kein zusätzliches Wasser, sondern nur Öl aufsauge und denkbar einfach in einem Heizkraftwerk zu entsorgen sei. Eine geniale Erfindung müsste man angesichts von Naturkatastrophen wie dem Untergang der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko denken. Nicht so die Wirtschaftsunternehmen, denen Jost Schalling seine Erfindung vorstellte.

 Kein Interesse habe man, hieß es, wenn es denn überhaupt eine Antwort gab. "Das Recyceln von einem Kubikmeter ölverseuchtem Wasser kostet 300 Euro. Da verdienen eine Menge Leute dran. Kein Wunder, dass man meine Kapsel deswegen nicht wollte", vermutet der Erfinder die Gründe seines Scheiterns. Er zitiert aber sofort Horst Oebius, einen führenden Experten auf dem Gebiet von Ölhavarien, der Schallings Erfindung "als die weitgehend beste", die ihm jemals vorgestellt wurde, bezeichnete.

 So gibt es für den Chemnitzer Jost Schalling auch gute Erfahrungen aus seiner Laufbahn zu berichten. Er arbeitet seit einigen Jahren mit dem Deutschen Erfinderverband (DEV) - Sektion Vogtland zusammen. Die Kollegen, die sich unter Sektionsleiterin Beatrice Schalk einen Namen in der deutschen Erfinderbranche gemacht haben, lernte Schalling durch die Messe "Ideen, Erfindungen, Neuerung, Ausstellung" (IENA) kennen, die jährlich in Nürnberg stattfindet. Ein engagiertes Mitglied sei der Chemnitzer inzwischen geworden, lobt Beatrice Schalk Schallings Einsatzfreude. Dieser gibt das Kompliment zurück. "Ich wollte eigentlich in Chemnitz dem DEV beitreten, aber die vogtländischen Kollegen waren viel zugänglicher und sind auch aktiver als die Chemnitzer Erfinder."

 So hat Jost Schalling, der nach mehreren Rückschlägen im Jahre 2007 den Preis der IENA als beste ökologische Erfindung für seine Öl-Absorptionskapsel erhielt, immer noch Spaß an seinem Beruf. Unterkriegen lässt er sich sowieso nicht. "Erfinden inspiriert mich nach wie vor. Und auch um den Erfolg mache ich mir keine Sorgen. Manche Erfindungen sind ihrer Zeit eben voraus", schließt der sympathische Mann mit einem Augenzwinkern.  Sebastian Bauer