Literarisches Kleinod vor dem Aus

Der kleine Buchladen Poesia in der Marktstraße ist ein Kleinod. Vor allem für Kinder und im Herzen Kind gebliebene ist der Ort eine Oase des Glücks und der Entdeckungen. Das ist die gute Nachricht. Die weniger schöne Nachricht lautet: der Laden hat noch ein halbes Jahr geöffnet.

Von Frank Blenz

Plauen Poesie, das klingt, geheimnisvoll, fantasievoll, reich. Poesia heißt darum auch der Buchladen von Henriette Sünderhauf, die jetzt nach noch nicht vielen Jahren ihr Geschäft bald wieder schließen wird. "Es ist an der Zeit, ich mache das ja nebenberuflich, im Hauptberuf bin ich in einem Architekturbüro tätig. Und das kostet viele Stunden und Energie", sagt die Diplomkauffrau, die Bücher dennoch über alles liebt. Dass ihr Laden bald Geschichte sein wird, hat sicher auch etwas mit der gegenwärtigen Zeit zu tun, gesteht die Plauenerin. Gerade jetzt ist ihr Geschäft im Grunde erneut wieder so gut wie geschlossen. "Auch wenn kein Lockdown befohlen ist. Aber Bücher sind Grundnahrungsmittel, der Lebensmittelladen hat auf, meiner nur unter Auflagen", so Sünderhauf. Ihren Stammkunden hält sie ihrerseits die Treue über elektronische Kommunikationswege und über einen Bestell-Liefer-Service. Poesia ist eben ihr Hobby.
Einige Monate ist noch Gelegenheit, bei Sünderhauf einzutauchen in die Welt der Literatur, des Wissens, der Bilder und Geschichten.
Besinnung auf einfache
Dinge willkommen

Nach wenigen Minuten sind Mutter und Sohn - die gerade eingetroffenen Kunden - im Buchblättern. Nach und nach probieren sie, die Lieder in dem schön eingebundenen Pappband zu singen, die Melodien sind ihnen bekannt - weihnachtliche, christliche, weltliche Lieder, aufgeschrieben und liebevoll illustriert. Es klappt gut, Mutter versucht sich an der zweiten Stimme, im Duett singen sie dann Stille Nacht und Oh Du Fröhliche gleich noch mal besser. Später, im Kreis der Familie wird daraus ein Chor. Das geöffnete Liederbuch, die Hinwendung zu einem gedruckten Schatz, die bewusste Pause für elektronische Medien - die Zeit tickte vor Weihnachten scheinbar langsamer, die Besinnung auf einfache Dinge war umso willkommener.
Liebevoll verpackt wird das Buch und so schickt Henriette Sünderhauf, Buchhändlerin und Freundin vor allem von Kinderliteratur, ihre glücklichen Besucher wieder hinaus in die Welt. Auf Kinderbücher hat sie sich spezialisiert. "Früher hatte ich etwa ein Drittel Kinderbücher, jetzt umfasst der Bestand an die 90 Prozent", erzählt sie in ihrem gemütlichen Geschäft. Auf einem Sessel sitzend, blättert sie in Büchern, allesamt Lieder- und Musikbücher. "Die Leute schätzen die ursprüngliche Form des Mediums Buch, den Einband, das Herumblättern, das Innehalten auf einer Seite, die Illustrationen, natürlich auch den Inhalt", weiß Henriette Sünderhauf.
Die Buchfreundin beobachtet, dass Kinderbücher vor allem dann gut ankommen, wenn sie weich gezeichnet sind, die Farben romantisch wirken, die Figuren sympathisch. "Noch vor Jahren war es chic, dass die Figuren der Geschichten und die Szenerien sehr überzeichnet, sehr aggressiv und krass sein sollten. Der Trend ist gerade nicht zu beobachten."
Im Bereich Kinderlieder sind die von Gerhard Schöne (der Künstler ist gerade 70 Jahre jung geworden), Reinhard Lakomy oder Rolf Zuckowski nach wie vor Renner. Doch auch neue, junge Autoren drängen nach. Künstler, die überaus flotte und originelle Lieder anzubieten haben. Bei aller Tradition, trendige und zeitgemäße Songs werden von den Kindern durchaus immer gemocht, Lieder inklusive Hiphop und Rhythmusmaschine und mit Themen versehen, die zum Schmunzeln und zum Nachdenken anregen, sind im Kommen.
Zum Abschluss ist
ein Konzert geplant

Der Nussknacker - Henriette Sünderhauf schlägt ein weiteres Buch auf, das die Geschichte dieser Holzfigur erzählt, weltbekannt auch als Ballett von Tschaikowski. Filigran gemalte Illustrationen, die Texte schön verständlich, die Musik wird einfach erläutert und in der Innenseite des Buches ist gar noch eine CD zum Nachhören in einer Seitentasche eingepasst. Ohne die CD einzulegen, hört man im Geiste das Trippeln und Tänzeln der bekannten Nussknackersuite-Melodie.
Die Buchfreundin sinniert: Was wären wir Menschen ohne Bücher? Noch sitzt Henriette Sünderhauf ab und an in der Leseecke ihres kleinen Ladens. Im Sommer ist Schluss. Und vorher wird sie, wenn es denn wieder möglich werden wird, ein Fest feiern oder einen Konzertabend veranstalten. Das Leben feiern, auch nach dem Abschied von ihrem Buchladen in der Marktstraße.