"Lieber auf Sicht fahren"

Zu den Sorgen und Problemen, mit denen sich Bürger an die Plauener Verbraucherzentrale wenden, gehören einige Dauerbrenner wie beispielsweise unseriöse Haustürgeschäfte oder sogenannte Knebelverträge. Nun häufen sich die Anfragen in Sachen Reiseverhalten in Corona-Zeiten.

Von Torsten Piontkowski

Claudia Neumerkel, die Leiterin der Plauener Verbraucherzentrale hat derzeit nicht nur drei Arbeitsplätze - neben dem in Plauen einen weiteren in der Zentrale in Leipzig und schließlich einen im Home Office - sie agiert auch vor MDR-Kameras, wenn es um spezielle Fragen zum Thema Reisen in Corona-Zeiten geht. Oder besser gesagt Nicht-Reisen. So lange eine weltweite Reisewarnung galt, war die Lage eindeutig, sagt Frau Neumerkel im Pressegespräch. Generell gilt auch nach voraussichtlicher Lockerung dieser Formulierung ab Mitte Juni, dass eine kostenfreie Stornierung möglich ist - aber der Einzelfall gewinnt an Bedeutung. Jüngstes Beispiel: Ein älteres Ehepaar hat eine Kreuzfahrt für Ende Juni gebucht und soll nun die Restzahlung leisten. Doch gerade auf einem Schiff sind die Gegebenheiten nochmals andere. Stichwort Quarantäne und auch die Tatsache, dass sich die Schiffs-Crew nicht selten aus Menschen unterschiedlichster Nationen zusammensetzt. "In besagtem Fall stellt sich der Anbieter stumm und wir können nur eine Kommunikation mit ihm aufbauen, sagt die Fachfrau. Eine Umbuchung - auch darauf bezieht sich eine Vielzahl der Fragen - wäre dagegen insolvenzversichert. Hinzu kommt, dass es gewissermaßen "solche und solche" gibt, Manche Hoteliers oder auch Airlines bieten eine gütliche Einigung an, andere versuchen die Restsumme zu kassieren, obwohl der Reisebeginn noch deutlich vor der Entwarnung, zumindest für viele EU-Staaten, liegt. Verhandlungen mit Lufthansa und Condor gestalten sich eher schwierig, Ryanair versucht einen Mittelweg, FTI wiederum gibt sich kulanter. Und dann, so Frau Neumerkel gäbe es sogar Anbieter, die im Nachhinein ihre AGB ändern. Auf alle Fälle habe der Anbieter eine sogenannte Sorgfaltspflicht, das betreffe auch die Reisekosten. Gutscheine für spätere Reisen könnten sich als problematisch erweisen wenn man fürchten muss, der Anbieter existiere dann gar nicht mehr. "Dieses Thema wird uns die nächsten Wochen noch arg beschäftigen", ist sich Frau Neumerkel sicher. Generell aber rät sie aus aktueller Sicht allen Reisewilligen, "auf Sicht zu fahren".
Ein anderes "Corona-spezifisches" Problem: Der von der Regierung avisierte Gutscheinzwang für kulturelle Veranstaltungen jeglicher Art, die derzeit nicht stattfinden konnten und können, die Mitgliedschaft in Fitness-Studios und anderen beitragspflichtigen Einrichtungen. Natürlich gäbe es viele, die auf einer Rückzahlung nicht bestehen, um den in seiner Existenz möglicherweise bedrohten Anbieter zu unterstützen.. Andererseits gibt es Fälle, da wurde eine Musical-Reise für mehrere Personen anlässlich der Jugendweihe oder eines runden Geburtstages gebucht. Da kommt dann auch schnell mal ein Hunderter zusammen und der eigentliche Anlass kehrt ja nicht wieder. Zumal, wie Frau Neumerkel anfügt, auch Gutscheine nicht insolvenzgesichert sind. Zudem gibt es Fälle, bei denen der Anbieter jeweils eine Einkommensbescheinigung verlange, das sei einfach skandalös.
Im Falle von Fitness-Studios gehören auch in Plauen einige zu den schwarzen Schafen, die weiter die volle Gebühr abbuchen, und wenn der Kunde diese zurückbucht, Inkassounternehmen einschalten. Man könne um Kulanz bitten, aber selbstverständlich voraussetzen - das geht gar nicht, sagt die Expertin.
Zu den "Dauerbrennern" in Plauen und dem Vogtland gehörte im Vorjahr zudem das Thema der falschen Zinsanpassung. Hintergrund: Auch die Sparkasse Vogtland versuchte, Kunden aus langfristigen und lukrativen Prämiensparverträgen herauszudrängen. Bei der Überprüfung etlicher Verträge durch die Verbaucherzentrale wurde offenbar, dass variable Zinsen nicht ordnungsgemäß angepasst wurden. Im Durchschnitt, so Frau Neumerkel, handele es sich da um Summen von 2500 Euro pro Vertrag. Ein angebotener Vergleich von zehn Prozent der Summe sei inakzeptabel, fügt sie an. Derzeit laufe eine Musterfestsellungsklage - eine Art Sammelklage der betroffenen Verbraucher - gegen das vogtländische Bankinstitut, die vierte in Sachsen übrigens.