Letzte Ruhe mit freiem Blick für Regine Heinecke

Bobenneukirchen Der Friedhof am Bobenneukirchner Pfaffenberg nahm am diesig verhangenen Mittwochmorgen die Trauergemeinde von Regine Heinecke auf. Nur einen Steinwurf entfernt hatte die Grafikerin und Malerin in ihrem urigen, alten Haus mit der Atelierscheune gelebt. Am 7. November ist die Wahlvogtländerin nach langem Leiden im Krankenhaus von Adorf mit 83 Jahren gestorben. Auf dem Friedhof von Bobenneukirchen begraben zu werden "mit freiem Blick" - das war ihr letzter Wunsch.
In der kleinen Trauerhalle steht der geschlossene Sarg, davor große Kränze der Stadt Oelsnitz und ihrer Kultur GmbH - in Weiß gehalten, darf darin eine Blume nicht fehlen, die Lilie, die Blume der Maler. Die letzte Ehre erweisen der Verstorbenen Oberbürgermeister Mario Horn mit Stadträtin Marion Schröder und der Bürgermeister ihrer Heimatgemeinde Bösenbrunn, Berthold Valentin, Testamentsvollstreckerin Eva Jürcke, das Team der Kultur GmbH, Freunde, Bewunderer ihrer Kunst, Nachbarn.
In feinfühliger Ansprache vermag Trauerredner Thomas Multhaup auf den Punkt zu bringen, was Regine Heinecke ausgemacht hat. Die "Königin der Illustrationskunst" hat Worte der Dichter und Märchen mit Bildern zum Leben erweckt. Sie gestaltete mit spitzer Feder, Phantasie, surrealem Humor und ausgeprägt politischer Haltung. Ihr Tapferes Schneiderlein betritt im bekannten DDR-Kinderbuch als Hippie die literarische Szene, welcher das widerlich brutale Einhorn mit Witz in Fesseln schlägt. Balance zwischen der Welt der Kunst und dem alltäglichen Leben zu finden, war für Regine Heinecke immer wieder schwierig, zitiert der Redner aus schriftlichen Bekenntnissen. Die "Königin" - so die Bedeutung auch ihres Vornamen - durfte sich mit der Wende über den Wegfall aller Bevormundung freuen, habe sich aber durch den völligen Wandel des Kunstbetriebs plötzlich in der Rolle des Aschenputtels gesehen. Oelsnitz trauere um eine begnadete Künstlerin, zu welcher die Stadt und er persönlich seit mehr als zehn Jahren eine ganz besondere Verbindung pflegen, gedachte OB Horn der Verstorbenen. Als "Ursprung und Inspiration der Verbindung" macht er - "neben der Präsenz von Regine Heinecke mit ihren Illustrationen", die künstlerische Freundschaft und Nähe zur früh verstorbenen Oberbürgermeisterin Eva-Maria Möbius aus. Daraus geboren wurde die Idee, das Gesamtwerk Heineckes an die Stadt Oelsnitz zu übereignen, sie dafür mit einer Leibrente zu entschädigen und ein Museum der Illustrationskunst auf Schloss Voigtsberg zu errichten.
Das "Illusorium" wurde 2013 zum 77. Geburtstag der Künstlerin eingeweiht. Horn sieht es als "Aufgabe, das künstlerische Gesamtwerk von Regine Heinecke mit Verantwortung, Kreativität und Demut zu bewahren und der Öffentlichkeit zu präsentieren".
Ein gutes Ende für das Werk - aber wie sah es für das Ende des Lebens aus? Ein Trauergast schildert eine letzte Begegnung im Sommer. Regine Heinecke liegt ausgestreckt unter einem ausgetrockneten Baum im geliebten Garten, voll aufgedreht der Wasserschlauch. "Er zeigt letzte Anzeichen von Leben", habe die Künstlerin auf den Baum gedeutet, "wie ich". Trauerredner Multhaup schließt mit dichterischem Gleichnis: "Wir sind wie die Kerze." Sie leuchtet, flackert, brennt nieder - es ist ihre Bestimmung, so macht es Sinn. RWÖ