Lernen am Küchentisch will gelernt sein

Struktur im Alltag und Selbstdisziplin ist das A und O bei der "Schule von zu Hause". Schüler wie Lehrer testen seit gut einer Woche, wie und ob das funktioniert.

Von Cornelia Henze

6 Uhr früh. Max-Leon Poschen ist schon auf. Kurz drauf sitzt der zehnjährige Rodewischer Grundschüler schon über den Hausaufgaben, während der siebenjährige Bruder Mick-Lennard sich noch mal im Bett rumdreht. "Ich bin halt Frühaufsteher, aber trotzdem ist es schön, dass es zu Hause nicht ganz so nach der Uhr geht", sagt Max-Leon. Ein wenig Struktur in den Tag bringen, das sei schon wichtig, sagt Beate Poschen. Die Mutter der beiden Jungs ist Krankenschwester und kann gerade zu ernsten Corona-Zeiten nicht einfach zu Hause bleiben. Sie ist in der Klinik gefragt - ihr Mann kann sich die Arbeit zum Glück etwas einteilen, auch im Homeoffice.
8 Uhr sitzt die Familie, wenn es geht vollständig, beim Frühstück. Danach ist zwei Stunden Lernen angesagt. Während Max-Leon seine Deutsch- und Matheaufgaben selbstständig und zügig erledigt, braucht der Zweitklässler schon mehr Motivation durch die Eltern. Ehe es Mittag gibt, geht es für die zwei Brüder raus an die frische Luft. Die große Wiese, der Garten laden zu Tennis, Federball, Fußball, Radfahren. "Ein Glück, dass wir auf dem Dorf wohnen", freut sich Max-Leon. Die Familie lebt in Rützengrün. In der Zeit am Vormittag, möglichst analog zum echten Schultag, wird bei den Forschens gelernt. Am Wochenende wird geruht. Manchmal gibt es auch Streit zwischen den Kindern. Das enge Beieinander nervt schon mal. "Wir geben uns Mühe, dass uns der Lagerkoller nicht einholt", so die Mutter.
8 Uhr sitzen auch die Hildebrands aus Reumtengrün beim Kaffee. "Struktur ist wichtig", sagt Anja Hildebrand, die ihre Tochter Tara dazu anhält, den Vormittag für Schulaufgaben im "Homeoffice" zu nutzen. Sie selbst, angestellt bei einer Krankenkasse, geht noch außer Haus auf Arbeit. Denn auf Tara, die Fünftklässlerin in der Auerbacher Geschwister-Scholl-Oberschule, ist Verlass. Im Haus ist außerdem noch die 16-jährige Marie, die zur Not ein Auge auf die kleine Schwester werfen kann.
Der Wecker von Geografie-Lehrerin Ute Hennig aus Reichenbach klingelt jetzt auch eine halbe Stunde später als normal. "Für mich gilt: Ich bin für meine Schüler ansprechbar in der Zeit, in der ich sonst auch Unterricht hätte", sagt die Lehrerin vom Rodewischer Pestalozzi-Gymnasium. Ein Schultag kann da schon mal 11 Uhr vorbei sein, aber auch bis in den Nachmittag hineingehen. Gartenarbeit und Spaziergänge mit Schafpudel-Hund Samson legt sie deshalb bewusst in den Nachmittag. Vormittags wird korrigiert, werden Aufgaben erstellt - und das bei äußerster Ruhe ohne TV und Radio. Aber wie kommen die Aufgaben vom Lehrer an den Schüler und retour? Hier zeigen sich die Schulen unterschiedlich aufgestellt: Von analog bis digital reicht die Bandbreite in vielen Facetten. Manchmal kreativ und erfrischend fantasievoll.
Sven Gerbeth, Deutsch- und Geschichtslehrer an der Plauener Rückert-Oberschule, packt die ausgearbeiteten Aufgaben, in A-5-Kuverts und fährt sie persönlich zu den Familien seiner Schüler aus. In den vergangenen Tagen habe er akribisch alle Eltern angerufen, E-Mail-Adressen und andere Kontakte abgefragt. "Die meisten Eltern sind konstruktiv. Diese Art Unterricht ist ja für alle neu. Das ist natürlich auch bissel spannend", sagt der in Plauen auch als Stadt- und Kreisrat aktive Pädagoge gut gelaunt. So finden aktuell seine Siebtklässler Aufgaben rund um den Dreißigjährigen Krieg im Briefkasten - manche Aufgaben verschickt Gerbeth auch per Whatsapp oder Mail.
Während das Plauener Lessing-Gymnasium auf das Uni-E-Learning-System Ilias setzt, nutzen viele andere die Plattform Fernsah. Lehrer und Schüler können sich darauf per Passwort einwählen und so gegenseitig Aufgaben und Lösungen einstellen. Da viele im Freistaat Sachsen gleichzeitig darauf zugriffen, kollabierte die Lernplattform in der vorigen Woche. "Es hat geholpert und Lernsax musste am Wochenende kurz stillgelegt und erweitert werden", sagt Arndt Schubert, Sprecher am Landesamt für Bildung. Er weiß aber auch, dass viele Schulen ganz eigene Kontaktplattformen, so über die Schulhomepages, entwickelt haben. Grundschulen übermitteln die Aufgaben oft noch analog im Kuvert über den Klassenlehrer. Weiterführende Schulen nutzen Homepage, Mail und andere digitale Angebote.
Tara Hildebrand zum Beispiel findet ihre Aufgaben unter dem Lernportal "Lernzeit" auf der Schulhomeopage. Zutritt hat sie per Passwort. "Alles ging superschnell, die Information fließt zügig. Ich bin sehr überrascht", gibt Mutter Anja Hildebrand ein Lob an die Lehrer der "Scholl" in Auerbach weiter.
Max-Leon und Mick-Lennard bekommen ihre Aufgaben als Lernpakete in guter, alter Papierform. Auf der Homepage der Schiller-Grundschule stehen die News. "Ansonsten haben die Klassenlehrer den engsten Kontakt zum Elternsprecher, der dann alles an die anderen Eltern weitergibt. So werden auch die Lehrer entlastet", sagt Beate Poschen, die selbst Elternsprecher ist.
Geo-Lehrerin Ute Hennig und ihre Schüler nutzen den Blog Wordpress. Dort kann dieLehrerin Aufgaben, PDFs und youtube-Lehrfilme einstellen. 3 Gigabyte geben den Platz dafür vor. "Wir sind am Ausprobieren, denn wir sind alle Anfänger", gibt die Geo-Lehrerin, die sich für digital recht fit erklärt und im normalen Unterricht oft das Whiteboard nutzt, zu.
Wie im normalen Schulalltag gebe es auch bei Home-School fleißige Schüler, die ihre Aufgaben fix erledigen, andere lassen sich Zeit, sagen Sven Gerbeth wie auch Ute Hennig. Fakt ist, dass keine der Hausaufgaben benotet wird, denn die Lernchancen seien in den Haushalten der Schüler zu verschieden, um sie reell bewerten zu können, sagt Arndt Schubert. So dringt nicht in jedes Dorf schnelles Internet. Manche Eltern helfen dem Kind bei den Aufgaben, in anderen Familien herrscht große Unruhe wegen kleineren Geschwistern.