Leiser Tod im Waldidyll

Spuren im Schnee erzählen Geschichten. Wer beim Waldspaziergang die Augen offen hält, kann darin lesen, wie in einem spannenden Buch.

Von Marlies Dähn

Markneukirchen - Es raschelt im Unterholz. Wildschweine? Das Dickicht des Waldes bietet ihnen Schutz. Bald ist Zeit für die ersten Frischlinge. Kommt der Mensch ihnen dann zu nahe, können sie wild werden und ihrem Namen durchaus Ehre machen. 
Im heuer dicht verschneiten Winterwald haben auch die Wildschweine gut sichtbar Fußabdrücke hinterlassen. Tief und breit ist ihre Spur aus dem Unterholz heraus. Dann endet der Trampelpfad plötzlich. Fell-Büschel liegen verstreut. Rund um die Baumstämme herum ist der Waldboden aufgewühlt. Im Schnee zeichnen sich blutige Spuren ab. Ein vom kräftezehrenden Winter geschwächtes Reh wird das nahende Frühjahr nicht mehr erleben. Entkräftet sinkt es nieder und verendet. Ein gefundenes Fressen für die Wildschweine. . .
"Bleiben nur Fellreste zurück, waren sicher Wildschweine am Werk. Die Allesfresser verputzen bei Fallwild alles, selbst die Schädel. Findet sich hingegen noch ein abgenagter Kochen, deutet das eher auf einen Fuchs als Täter hin", bestätigt auch Jörg Höland. Der passionierte Jäger und Luchs-Beauftragte aus Wernitzgrün ist fast täglich im Wald unterwegs und ein sachkundiger Spurenleser. 
Muss man sich eigentlich in Sicherheit bringen, trifft man im Wald auf solch dramatische Szenen samt einer Wildschwein-Rotte? Hier sei durchaus ein geordneter Rückzug angesagt. Sich ruhig verhalten, hinter einem Baum Schutz suchen, kann hilfreich sein. 
Den Rückzug hat auch Jörg Höland angetreten, als er einst mit seinem jagderfahrenen Dackel Wastl auf Pirsch war. Wastl nahm eine Fährte auf, stürmte im Wald hangaufwärts und verharrte angespannt. "Vor uns lag im Wurfkessel eine Bache mit ihren Frischlingen. Wir zogen uns unbemerkt zurück. Auch der Dackel blieb zum Glück ruhig", erzählt Höland. 
Während Wildschweine normalerweise beim Auftauchen von Menschen die Flucht ergreifen, ist auf einem Video anderes zu sehen. Am helllichten Tag zieht hier eine ganze Rotte von Wildschweinen in aller Seelenruhe durch eine Reihenhaussiedlung in Bad Elster. Auch die Parkanlagen im Kurort wurden schon mehrfach umgeackert von Wildschweinen auf Futtersuche, weiß Höland. Wem kann der Waldspaziergänger eigentlich noch begegnen in den heimischen Wälder? Die Spuren im Schnee verraten es, kann man sie richtig deuten. 
Wahrscheinlich wegen einer Drückjagd vom Sachsenforst tauchte schon einmal Rotwild auf in der Region, hat Jörg Höland beobachtet. Auch Fuchs und Dachs waren unterwegs. "Die typischen langen Krallen lassen die Dachs-Spur gut erkennen. Dachse machen nicht komplett Winterschlaf", verrät er. 
Wer selbst einmal im Tiefschnee durch den Winterwald gestapft ist, kann deutlich sehen, auf welchen Pfaden Rehwild auf Futtersuche geht. Wie ein schmales Band zieht sich ihre Spur durch den Wald und verschwindet im dichten Unterholz. 
Vom Luchs hat Jörg Höland lange nichts mehr gesehen. Intensive Waldarbeiten und andere Störungen haben ihn wohl auf die böhmische Seite vertrieben, vermutet er. Und der Wolf? Im Sommer 2018 soll ein Wolf in Schöneck durchgezogen sein. Ein Jagdpächter hat das aus dem veränderten Verhalten des Rehwildes geschlossen, das große Sprünge bildete. Das bedeutet, mehrere Tiere stehen dicht versammelt beieinander, weil sie Gefahr wittern. 
Wolfsverdacht gab es auch noch einmal zu Jahresbeginn. Eine Wildkamera hatte ein Bild eingefangen. Im harschigen Schnee waren Blutspuren. Später stellte sich heraus, dass es sich um zwei Jagdhunde aus Tschechien handelte. Auf ihrem Streifzug holten sie sich wunde Füße im vereisten Schnee und wurden schon vermisst. 
Auch Waschbären sind im Vogtland unterwegs. Einer wurde höchstwahrscheinlich in Breitenfeld gesichtet durch eine Wildkamera. Am Grenzweg in Wernitzgrün war letztes Jahr vermutlich ein Waschbär zu Strich. "Auch wir hatten vor Jahren einen Waschbär im Garten", erzählt Jörg Höland. 
Und in einem Pferdestall in Wernitzgrün schaute letztes Jahr sogar ein Marderhund vorbei. Der Marderhund stammt übrigens nicht vom Hund ab, wie der Name vermuten lässt, sondern ist verwandt mit Fuchs und Wolf. 
Auf der Roten Liste geschützter Tierarten steht der Fischotter. Nahe einer Schönlinder Geflügelfarm wurde solch ein seltenes Tier überfahren und vor sechs Jahren bei der Haarmühle ein weiteres gesichtet.
Der Schnee schmilzt nun auch in den Wäldern des Vogtlandes. Frühling hält Einzug. Erste Sprossen sprießen. Tierbabys werden geboren und auch das leise Sterben gehört zum Kreislauf der Natur. Die wilden Tiere des Waldes ziehen wieder nahezu unentdeckt ihre Spuren, bis wieder der erste Schnee fällt.