Leidenschaftlicher Reiter, kein Militär

Greiz - Es hat die Dimension eines ungeklärten Kriminalfalls. Welche genauen Umstände führten zur Erschießung des Hauptmanns Kurt von Westernhagen am 14. April 1945 in Greiz?

 

Fakt ist: Dass der Wehrmachtsoffizier mit dem Irrsinn des Krieges und dem aberwitzigen, letzten Aufbegehren der Deutschen Wehrmacht und unbelehrbarer Nazifunktionäre brach, ehrt ihn und fordert, seiner zu Gedenken. Doch vieles bleibt verschwommen im Nebel der Geschichte, in dem sich Tatsachen und Legenden mischen. Was Nachweisbares, was Vermutetes ist in seiner Biografie, stellte Dr. Dörte von Westernhagen in der Greizer Bibliothek auf Einladung des "Bunten Bündnisses Greiz" gut 50 Gästen vor.

Die 1943 geborene Journalistin und Autorin, die sich in mehreren Publikationen mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, ist eine entfernte Verwandte des Hauptmanns, an dessen Ermordung bereits seit 1946 in Greiz mit einer Tafel erinnert wird und nach dem seit fast zwei Jahrzehnten der von-Westernhagen-Platz benannt ist. Geboren wurde er am 28. Juni 1891 in Hagenau im Elsaß als Kind eines Königlich Preußischen Generalleutnants und einer Fabrikantentochter.

 

Im Alter von 18 Jahren begann er eine Offizierslaufbahn im Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 6 in Erfurt und hatte nach dem Ersten Weltkrieg den Rang eines Rittmeisters (Hauptmann). Als Reserveoffizier wurde er 1937 wieder eingezogen. Noch vor Kriegbeginn 1939 verhängten seine Vorgesetzten eine Beförderungssperre, weil er als "kritischer Geist" galt. Nach Einsätzen in Belgien und Frankreich wurde von Westernhagen Kommandant der Armeegefangenensammelstelle Nr. 3, wo er an verschiedenen Orten im Hinterland der Ostfront seinen Dienst tat. Dort seien ihm zweifellos die Verbrechen von Himmlers Sicherheitsdienst an Kriegsgefangenen nicht verborgen geblieben, ist sich Frau von Westernhagen sicher.

 

Wegen Finanzgeschäften wurde von Westernhagen das Kommando entzogen, und er kam nach verschiedenen, weiteren Stationen zur 2. Kompanie des Bau- und Arbeitsbataillons 193. In diesem Zusammenhang verschlug es ihn nach Langenwetzendorf. Unmittelbar vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Greiz am 17. April 1945 kam es dann zu Geschehnissen, die sich nicht mehr exakt rekonstruieren lassen. So existiert die bekannte Schilderung, dass von Westernhagen sich weigerte, die Greizer Brücken zu sprengen. Die letztlich doch erfolgte Sprengung sollte das Vordringen der US-Armee verzögern und der 11. Panzerdivision den Rückzug sichern.

 

Eine andere Quelle, die ihren Namen nicht preisgeben will, so Frau von Westernhagen, bezweifele, dass der Hauptmann überhaupt einen Befehl zu Brückensprengung hatte, er vielmehr, wie auch nachgewiesen, sich seiner Rangabzeichen entledigte, desertierte, um nach Oschatz zu seinem und dem Wohnort seiner Frau und Tochter zu gelangen. Von Langenwetzendorfern oder Mitgliedern seines Kommandos denunziert, könnte er in die Fänge der SS geraten sein und wurde nach kurzer Aburteilung schließlich in den Mittagsstunden des 14. April 1945 erschossen.   Von Karsten Schaarschmidt