Lehrling dringend gesucht

Im Handwerk macht man sich schmutzig. Es ist anstrengend. Und für den Knochenjob gibts wenig Geld. Viele Jugendliche denken so und gehen lieber studieren und danach an den Schreibtisch. Mancher Handwerksmeister sucht deshalb in diesen Tagen verzweifelt nach einem Lehrling, und die Kreishandwerkerschaft rührt die Werbetrommel. Aber es gibt auch Tendenzen pro Handwerk.

Von Cornelia Henze

Plauen - Eigentlich wollte Jonny Puchta (19) Kfz-Mechatroniker werden. Aber das klappte nicht. Und dann sei er eben in den Malerberuf. Im Plauener Diesterweg-Gymnasium haben Jonny und Morrice das Radio ganz laut gestellt. Bei der Mugge lässt es sich flott nacheinanderweg arbeiten. Jonny lässt die Malerrolle flink über die Wände der Flure gleiten. Helles Grau frisst das Ocker auf. "Grau ist modern", sagt Jonny, Noch-Lehrling und Fast-Malergeselle bei der Maler Plauen GmbH. Der Vater habe Maurer gelernt, der Bruder ist Elektriker. Für ihn sei daher nichts anderes, als ein Handwerk in Frage gekommen. "Ich wollte keinen Bürojob, lieber was mit den Händen machen. Und das Malerhandwerk ist richtig vielfältig", sagt der Plauener. Morrice ist schon sechs Jahre Geselle, und seit neun Jahren dabei. "Lust muss man mitbringen" aufs Handwerk. Das sei erst mal alles.


Azubi-Treff auf Instagram
Vom akuten Lehrlingsmangel nicht betroffen, sei seine Maler Plauen GmbH, sagt Chef Andreas Stephan. Denn er weiß, wo er potenzielle Azubis am ehesten antrifft. Das ist auf Instagram. Dort platziert der Chef kleine Imagefilmchen fürs Malerhandwerk. Und ab und zu beißt ein junger Mensch an. Elf Azubis malen in dem 50-Leute-Betrieb, zwei werden fertig. Fünf Jungs fangen im September neu an. "Vor ein paar Jahren war die Qualität der Lehrling sehr schlecht. Jetzt gerade ist es besser: Wir haben gute Zehn-Klassen-Abgänger und manchmal auch Abiturienten", freut sich Stephan. Wer Maler lernt, hat später gute Chancen, sich weiter zu qualifizieren: Der kann den Meister machen, Restaurator oder Betriebswirt werden, in die Denkmalpflege gehen, Spezialist im Trockenbau oder im Grafikdesign werden.
"Ich wollte eigentlich nur zwei ausbilden, aber dann kamen fünf. Da hab ich alle genommen", sagt Stephan.
Ulrich Walther (68) wäre schon froh, wenn ein Lehrling käme. 1989 hat der Meister für Sanitär- und Heizungsbau seine Firma im Auerbacher Ortsteil Rebesgrün gegründet, die heute unter "Energietechnik Walther GmbH" zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Die Ehefrau, die zwei Söhne und langjährige Mitarbeiter sind mit im Geschäft, seit Jahren bildet Walther Studenten für die BA Glauchau aus. Nur bei den Azubis hapert es.


"Müssen Reklame machen"
In den letzten sechs Jahren hat Ulrich Walther nur einen ausgebildet. "Wir hätten aber alle zwei Jahre gern einen gehabt, also gerne noch zwei weitere", sagt der Chef. Derzeit wird in der Rebesgrüner Firma ein junger Mann zum Anlagenmechaniker im zweiten Lehrjahr ausgebildet. Walther hofft, dass er nach dem dritten Lehrjahr dem Unternehmen als Geselle bleibt. Ein Lehrling sei erst mal für den Ausbildungsbetrieb ein Zugeschäft: Azubis verbringen den größten Teil der Zeit in der Berufsschule oder überbetrieblichen Lehrwerkstätten. Und auf Baustellen gelten die Greenhorns für längere Zeit noch nicht als volle Kraft. Erst nach Jahren amortisiere sich die Investition in den Nachwuchs. Doch dann kann es passieren, dass der Jung-Geselle ein besseres Angebot bekommt und auf einer Baustelle abgeworben wird. "Das ist die Freiheit eines jeden für uns, dafür waren wir 1989 auf der Straße", sagt Walther und zählt auf, mit welchen Benefits der familiengeführte Betrieb die jungen Leute zu halten versucht: Gehalt über Mindestlohn, Benzingutschein, Urlaubsgeld, Gesundheitsfürsorge, Weihnachtsfeier und gutem Betriebsklima. "Aber die jungen Leute wollen heute lieber die 35-Stunden-Woche und einen Tag mehr Urlaub. Das können wir im Handwerk aber nicht leisten."
Auch für diesen Herbst hat Ulrich Walther noch keinen Lehrling, obwohl Walther-Junior die Azubi-Akquise auch auf Facebook führt. Für Herbst würde die Firma gerne noch einen Bewerber - es darf auch eine Bewerberin sein - nehmen. Wichtig wäre, dass der Azubi mobil ist, um selbstständig auf die Baustelle zu kommen. Ulrich Walther weiß nur zu gut: "Wir im Handwerk müssen mehr Reklame machen für Ausbildung. Denn Fachkräfte auf dem freien Markt - das kann man vergessen."


Maurer dringend gesucht
Ganz so schlecht für das Handwerk sehe es nicht aus, ist Astrid Kieß, Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer Plauen überzeugt. Das hänge natürlich vom Gewerk und der Nachfrage ab. Händeringend suche die Baubranche Maurerlehrlinge, hingegen die Dachdecker können über Nachwuchs nicht klagen. Auch Kfz-Mechatroniker würden noch gesucht. Allerdings haben im Vogtland für Herbst schon 277 junge Leute einen Ausbildungsvertrag zum Kfz-Mechatroniker in der Tasche. Trotzdem ist das Angebot größer als die Nachfrage. 1328 junge Leute aus dem Vogtland beginnen ab September eine Lehre in einem Handwerksberuf, sagt die Kammer-Statistik per Ende Juli. Im Vorjahr waren es zur gleichen Zeit 1347. 110 von überhaupt 130 möglichen Handwerksberufen stehen Berufsanfängern im Kammerbezirk Chemnitz zur Wahl. Schulabgänger aus dem Vogtland haben Verträge in 85 Handwerksberufen abgeschlossen. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala stehen Kfz-Mechaniker, gefolgt von den Elektronikern, Anlagenmechanikern und Klimatechnikern, den Tischlern, Malern und Frisören.
Ausbildungsbörsen und -messen, Imagefilme auf Instagram, Apps, Mund-zu-Mund-Propaganda: "Es gibt viele tolle Plattformen für Ausbilder und Suchende, nur in der Kommunikation untereinaner gibt es noch Defizite", sagt Manuela Mehringer-Pöhlmann, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Vogtland. Viele Handwerksbetriebe setzten nur auf das Azubi-Werbeportal der Arbeitsagentur, aber nicht auf die Plattform der Handwerkskammer. Dort gebe es viele gute Angebote, auch youtube-Videos zur Ausbildung. Sich vernetzen, miteinander reden, informiert sein: Diese Aufgabe will die neue Chefin der Kreishandwerkerschaft in den Fokus rücken. "Wir wollen Drehscheibe sein für unsere 14 Innungen, deren 550 Mitglieder, der Arbeitsagentur und den jungen Leuten."


Mit Abi ins Handwerk?
Aber manchmal braucht es weder App noch youtube. Wenn der künftige Lehrling spontan und persönlich beim Meister vorspricht, kann am Ende ein Ausbildungsvertrag herauskommen. So kam in diesen Tagen ein Plauener Raumausstatter zu einem und ein Klimatechniker aus dem oberen Vogtland sogar zu zwei neuen Azubis. "Die Wertschätzung fürs Handwerk kommt wieder" ist sich Mehringer-Pöhlmann sicher. Das merkt man zum Beispiel daran, dass auch Abiturienten den Blaumann anziehen mögen. So mache es ihr Neffe, der Elektroniker wird. Eine Einser-Abiturientin aus dem oberen Vogtland wird Pferdesattlerin. "Leider müssen sich diese jungen Leute überall erklären, warum sie ins Handwerk wollen und nicht zum Studium."

Ausbildungs-Plattformen

www.deine-zukunft-handwerk.de
App: www.lehrstellenradar
www.hwk-chemnitz.de/Lehrstellenboerse
Handwerkskammer Plauen
Ausbildungsberaterin Astrid Kieß:
03741-160515