Lebensläufe und Karrieren

Der Heimatverein Kloschwitz hat sich der Traditionspflege verschrieben. So ehrt er das Vermächtnis von Pfarrer Grundmann, der 1818 in Kirche und Pfarr Kloschwitz sein "Institut" gründete und neue Wege der Bildung ging.

Von Hans-Jörg Tempel

Weischlitz/KloschwitzAndrea Harnisch, Familienforscherin vom Verein für vogtländische Geschichte, gestaltet mit dem Heimatverein am Samstag, 16. November, in der "Alten Pfarr Kloschwitz" einen Abend zum Thema "Was wurde aus den Absolventen des Grundmannschen Instituts?" Sie stellt Lebensläufe und Karrieren vor. Eintritt vier Euro.
Kirchturm und das Pfarrhaus in Kloschwitz glänzen und die Glocken läuten zum Gottesdienst. Der Betrachter braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Zöglinge des Grundmannschen Instituts den Hof des Pfarrhauses zur großen Pause in Beschlag nehmen.
Blättert man in den Überlieferungen, Schriften und Kirchenbüchern, offenbart sich eine Tradition von zeitgemäß fortschrittlicher Bildung.
Karl Friedrich Grundmann wurde am 11. März 1793 in einer Zeit großer politischer Verwerfungen in Plauen als Sohn armer Webersleute geboren. Nach der Schulzeit führte ihn seine kirchliche Berufung dank einiger Plauener Förderer im Jahr 1813, noch in den Wirren der Völkerschlacht, zum Theologiestudium nach Leipzig. Mit seiner humanistischen Grundhaltung, Gottvertrauen und dem Wunsch, anderen zu helfen, kehrte er nach dem Studium ins Vogtland zurück und wurde bald Pfarrer in Kloschwitz.
Seine Erziehung, die von Entbehrungen geprägte Kindheit, sein Bildungsweg vom Plauener Lyzeum bis zum Theologiestudium in Leipzig, bereitete den Weg zur Gründung seines Instituts 1818 in Kloschwitz.
Im gleichen Jahr heiratete Grundmann die hochgebildete Plauener Kaufmannstochter Friedericke Haußner. Grundmann und seine Gattin waren davon beseelt, dass nur eine fortschrittliche Bildung der Jugend Wege öffnen würde. So sprach es sich schnell im Vogtland und darüber hinaus herum, dass man mit einem Abschluss im Grundmannschen Institut gut Karriere machen könne.
Neben den kirchlichen Bildungsinhalten standen französische und englische Sprache, Geografie, Mathematik und Deutsche Literatur auf dem Stundenplan. Die Grundmanns sorgten bahnbrechend auch dafür, dass der Unterricht mit sportlicher Betätigung kombiniert wurde. So kauften sie eine Fläche, die sie als Sportplatz für die Zöglinge herrichteten und nutzten.
Manche Kloschwitzer sahen die neuen Methoden Grundmanns kritisch. So soll der Satz kursiert sein: "Die Zöglinge sind Tunichgute, die zum Arbeiten nicht zu gebrauchen sind." Welch ein Irrtum!
Für den Besuch des Grundmannschen Instituts wurde eine Studiengebühr von jährlich 120 Talern erhoben. Pfarrer Grundmann war aber bereit, weniger begüterten Eltern einen Nachlass zu gewähren. Das war nicht üblich im 19. Jahrhundert. Grundmann setzte sich als Mann der Kirche auch aktiv für das Gemeinwohl ein. So stiftete er für die Schule ein Planetarium, setzte viel privates Geld für sein Institut ein und finanzierte eine moderne "Feuerspritze nebst Zubringer", wie Chronisten schreiben.
Andrea Harnisch, Hobbyforscherin beim "Verein für vogtländische Geschichte" beschäftigt sich seit langem mit dem Institut in Kloschwitz: "Ich arbeite zur Zeit daran, die Lebensläufe der 398 Zöglinge, die von 1818 bis Ostern 1851 das Grundmannsche Institut besuchten, zu rekonstruieren. Es ist interessant zu sehen, dass junge Menschen von dort erfolgreich in Beruf und Leben waren. Ärzte, hohe Beamte des Staates oder namhafte Geistliche konnten auf ihre Ausbildung am Grundmannschen Institut verweisen."
Nach ihren Worten kamen die Zöglinge mit sehr unterschiedlichen Bildungsständen an das Institut. Das Erfolgsrezept bestand darin, die Kinder mit einem annähernd gleich hohen Bildungsstand aus dem Institut zu entlassen. Dabei war die humanistische Bildung ein besonderes Anliegen von Grundmann.
Auch der Heimatverein Kloschwitz und seine Vorsitzende Romy Dietel haben die Geschichte des Instituts auf ihre Fahnen geschrieben. Seit Jahren nutzt der Heimatverein den Tag des offenen Denkmals, um an das Institut und an die Bildungsphilosophie von Grundmann zu erinnern. Seine fortschrittlichen pädagogischen Gedanken sind bis in diese Tage, fast 200 Jahre nach Grundmann, aktueller denn je. Die OECD hat der Bundesrepublik Deutschland wiederholt Versäumnisse im Bereich der Bildung ins Stammbuch geschrieben. Noch heute stehen gleiche Bildungschancen für alle nur auf dem Papier, werden Turnhallen und Sportplätze vernachlässigt, spielt die soziale Herkunft für den Bildungserfolg immer noch eine zu große Rolle und ist die Kleinstaaterei in der Bildungspolitik im Deutschland des Jahres 2019 ein großes Hemmnis.
Die Kloschwitzer sind stolz auf die Grundmannschen Traditionen und auf ihre Kirche. Besonders engagiert sich der Kirchenvorstand mit Renate Künzel an der Spitze: "Seit Anfang der 90er Jahre haben wir rekonstruiert, liebevoll renoviert, das Kirchendach gedeckt, die Glocken erneuert, die Orgel auf Vordermann gebracht", sagt sie.
Karl Friedrich und Friedericke Grundmann wären sicher stolz, ihr Lebenswerk in so guten Händen zu sehen.