Leben zwischen Mann und Frau

"Conchita von Auerbach" kennt in der Stadt an der Göltzsch jedes Kind. Jetzt spielt der schrille Paradiesvogel, der sich gern in Frauenkleidern zeigt, in einer Schwarzen Komödie mit.

Von Cornelia Henze

 

Auerbach - "Halloooo, ich bin‘s, die Conchita von Auerbach - euer It-Girl Clever Luder!", flötet Daniel Segitz mit erotischer Stimme in seine Handykamera und postet den Clip auch gleich auf Facebook. Die, die den bärtigen, langhaarigen Mann in Stöckelschuhen leiden mögen, geben ihm ein freundliches Wort und einen "Daumen hoch". Mit den anderen, Daniel nennt sie "Hater", kann der aus dem baden-württembergischen Leonberg nach Auerbach Zugezogene nach eigenen Worten gut leben.


Dass er anders ist, als andere und gar nicht wer anderes sein will, als er selbst, trägt Daniel Segitz selbstbewusst in die Welt. Täglich erfindet sich der schlanke junge Mann neu. Mal ist er das Clever Luder, mal gibt er die Tussi, dann wieder die Edel-Diva. Mit markigen Sprüchen, wie "Ich bin ne‘ Granate - ich brauch‘ für meine Schuhe nen Waffenschein!" stöckelt er durch Auerbachs Innenstadt und auch über das grobe Kopfsteinpflaster des Altmarktes, das schon manchem Damenschuh den Garaus gemacht hat.


Die erste Filmrolle seines Lebens brachte ihm der Auerbacher Hobby-Filmemacher Tom Asmussen ins Haus. Für seine schräge Komödie "Ziemlich tot" hat Asmussen die Figur der "Roswitha Vintage" erfunden. Eine Rolle, die Daniel wie auf den Leib geschneidert ist und in der er dem Affen so richtig Zucker geben kann. "Auf You Tube treiben sich ja in echt auch viele schrille Paradiesvögel rum. Daniel passt da gut in die Rolle, macht einen auf Diva", sagt Asmussen, der auch kein langweiliges Leben vorweisen kann.
 Viele Jahre lebte er in Kolumbien, unterrichtete dort Deutsch und Englisch - und kehrte 2015 ins Vogtland zurück. Seine Brötchen verdient Asmussen im Verkauf in der Gastronomie-Branche. Seine Passion ist es jedoch, sich schräge Geschichten auszudenken, die dann vor die Kamera kommen. So auch "Ziemlich tot", in dem Asmussen Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Eddie in einem ist, für Kamera und Produktion wurde der Grünbacher Filmemacher Pieter Müller gewonnen.


Darum geht es: Eddie wird vom Auto überrollt und kommt als Untoter unter die Lebenden zurück. Weil in seinem verrückten Leben so ziemlich alles schief lief, bekommt Eddie eine zweite Chance. Eine Nebenrolle spielt dabei Roswitha Vintage, die sozusagen im Film im Film auftaucht: Sie gibt in einem Internet-Tutorial ne abgefahrene Zombie-Jägerin mit jeder Menge guter Tipps. Am Set, das war zum Beispiel der Auerbacher Stadtpark oder der Wald in Reumtengrün, hat sich ein "großer, buntgemischter Haufen" zusammengefunden, wie Asmussen sagt. Neben seiner Freundin, einer Kolumbianerin, einem Mann aus Afghanistan und einem Franzosen war Conchita alias Daniel alias Roswitha Vintage ein ganz normaler Paradiesvogel.


Eine Zeit, die Daniel genossen hat, die ihm Mut gab und Freude in seinem nicht ganz einfachen, quirligen Leben. Nach einer nicht ganz so optimalen Kindheit und Jugend hat es "Conchita" nach Auerbach verschlagen, weil dort die Mieten noch erträglicher sind als im teuren Stuttgarter Raum. Gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, ist Daniel ohne Job und das Geld ist knapp. Gelegenheitsjobs nimmt er gerne an, um unter Leute zu kommen.


 So einer ist das Ehrenamt bei der Auerbacher Händlerorganisation WiA, die jährlich die Einkaufsnacht stemmt: Als engagierter Paradiesvogel im Kostüm unterhält der sexy Lady-Boy nicht zum ersten Mal die abendlichen Gäste. Mit Sinn für Humor schlüpfte Daniel ins Winntouch-Kostüm. Ein Jahr später war er ein rosafarbener Bux Bunny, der Fünflinge unterm dicken Bauch versteckte - und 2018 agierte er als Lady-Coach in Fragen von "Bauch-Beine-Po".
Schrille, weibliche Mode, lange lackierte Fingernägel, Makeup, Kosmetik und eine gepflegte Frisur. All die Seiten der Weiblichkeit liebt und lebt Daniel Segitz. Der Bart hingegen steht für Männlichkeit - eine Kombi, mit der erstmals Conchita Wurst zum Eurovisionscontest auf sich aufmerksam macht. "Ich will beides sein - Mann und Frau. Die Kombination reizt mich."
Wegen des ungewöhnlichen Anblicks kommt es auch in der Kleinstadt Auerbach, in der optisch Kleidung in Rentner-Beige dominiert, hin und wieder zu unschönen Kommentaren von nicht so toleranten Zeitgenossen. Meist seien es Männer, von denen er angefeindet werde - Frauen reagierten freundlich und cool. Wer Daniel ist, was er trägt und wie er tickt, das ist vor allem Coco Chanel, Hugo Boss und Louis Vuitton schnurzepiepegeal. Denn das sind seine Katzen und Hunde, mit denen er sein verrücktes Tussi-Leben teilt.