Lanzarote wird länger warten müssen

Die Fensterbänke und die Haustür in seiner Plauener Wohnung hat er schon gestrichen. Das wäre beinahe schief gegangen, denn Dieter Rappenhöner, langjähriger Stadtrat der Grünen und seit Anfang des Jahres im (Un)ruhestand, schaffte es gerade noch von seiner kleinen Finca auf Lanzarote ins Vogtland.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Ruft man jemanden auf dem Handy an weiß man logischerweise nicht, wo der sich gerade aufhält Im Falle von Dieter Rappenhöner hätte es auch Lanzarote sein können - hier besitzt er seit einiger Zeit eine kleine Finca, die er nach seinem vor wenigen Monaten erfolgten Wechsel in den (Un)ruhestand mehrere Monate im Jahr mit seiner Frau bewohnt.
Glück im Unglück, könnte man vielleicht sagen. "Vier Tage vor dem Lockdown sind wir zurpückgeflogen", sagt Rapenhöner. "Es war die erste Reise, für die wir noch keinen Rückflug gebucht hatten. Da war von einer Sperrung aber noch keine Rede. Und als wir am 26. Februar über Madrid einreisten, sahen wir auf dem Flugplatz zwar etliche Menschen mit Masken, aber so richtig ernst genommen hat das wohl auch noch niemand." Aber hier wie da überschlugen sich bekanntlich die Ereignisse. "Eine Woche nach uns wollten Freunde aus Süddeutschland ebenfalls nach Lanzarote reisen, aber der Flieger in Zürich startete gar nicht erst. Für Spanien galt ein Einreiseverbot und alle musste die Maschine verlassen.
Doch Rappenhöner weiß, dass es sich quasi um Luxusprobleme handelt, wenn er sich die Situation vor Augen führt, in der sich das spanische Hausmeisterehepaar befindet, das sich um die Anlage kümmert. "Die sitzen jetzt den 46. Tag zu Hause, ohne Einkommen. Denn Kurzarbeitergeld oder eine Fortzahlung im Krankheitsfall - so was gibt es in Spanien nicht. "Denen fällt nicht nur die Decke auf den Kopf, denen gehts echt dreckig, sagt Rappenhöner, der seine Unterstützung natürlich anbot. Ein anderer Bekannter, Miguel, darf seit Montag wieder arbeiten - auch er jobbt als Hausmeister in einem kleinen Kaufhaus, in dem allerdings keine Lebensmittel angeboten werden.. Und wenn die spanischen Behörden sagen, niemand dürfe das Haus verlassen, dann meinen die das auch so. Beispiel: Männer dürfen an bestimmten Tagen einkaufen, Frauen an den anderen. Zu zweit geht gar nicht. Wer im Auto ohne triftigen Grund erwischt wird, zahlt eine saftige Strafe - und zwar jeder Insasse. Dass er bis auf (wohl langes) Weiteres nicht auf seine Finca kommt, damit kann und muss Rappenhöner leben. "Ich habe keine Nachteile. Die Sonne scheint, die Bäume blühen - auch in Plauen." Doch Lanzarote, weiß er, braucht dringend Touristen. 80 Prozent der Bevölkerung lebt direkt oder mittelbar von Gästen. Vor allem unglaublich viele Festlandspanier hätten hier einen Job gefunden. Pendler haben riesige Probleme, weil derzeit nur zwischen den Kanarischen Inseln Flieger verkehren. Der Konsum sei zusammengebrochen und selbst die ersten Deutschen, die auf der Insel arbeiten, hat es "erwischt". Ein deutscher Konditor sei inzwischen pleite. Was Rappenhöner aber noch mehr bedrückt, ist seine eigene kleine Statistik in Sachen Corona-Opfer. "Die absoluten Todeszahlen sind ja eigentlich irrelevant", sagt er. Man müsse sie immer auf die Bevölkerungszahl beziehen. Und da sei die in Spanien acht Mal höher als in Deutschland. Und wovon kaum jemand spreche - nach dieser Rechnung seien die Belgier am stärksten betroffen. Weshalb die Infektionszahlen in Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien besonders hoch seien, darüber könne man nur rätseln, meint Rappenhöner. Aus eigenen Beobachtungen aber weiß er, dass zur Begrüßungskultur dieser Länder eben auch das "Küsschen hier, Küsschen da" gehöre. Wann Rappenhöner wieder Bilder von "seinem" Lanzarote postet - es könnte Herbst werden. Bis dahin wird er sicher noch einige Dinge finden, die es zu streichen lohnt.