Langhammers kleines Klingenthal

Wer den Staffelweg hinauf zum Aschberg fährt, entdeckt links, kurz vor dem Abzweig Zollstraße, Modellhäuser in einem Vorgarten, von Advent bis etwa Ostern.

Von Helmut Schlangstedt

Klingenthal Wanderer halten immer inne, um einen erstaunten Blick darauf zu werfen. Doch was hat es mit diesen Modellen auf sich?
Errichtet hat sie Manfred Langhammer, der mittlerweile stolze 84 Lenze zählt und in dem Haus dahinter wohnt. Zuvor stand genau an dieser Stelle ein großes und bis an die Straße reichendes Vierfamilienhaus, in dem schon seine Eltern und Großeltern wohnten. Sein Opa fabrizierte hier Mundharmonikas, sein Vater betrieb von 1944 bis 1964 einen Kohlehandel. Dieses Haus wurde im Mai 1957 bei einem Feuer vernichtet. Ein Großbrand, bei dem sogar die Feuerwehr Auerbach anrückte. Glücklicherweise bestand die Möglichkeit, nach dem Brand einige Meter weiter vorübergehend in einem heute nicht mehr existierenden Eckhaus an der Zollstraße zu wohnen, während parallel dazu ein neues Haus an Stelle des abgebrannten von 1958 bis 1960 errichtet wurde. Darin wohnten dann seine Eltern, denn Manfred war 1960 nach Hammerbrücke zu seiner Frau Inge gezogen, die von dort stammte.


1965 ging es aber zurück nach Klingenthal ins neu gebaute Haus mit dem nun recht großen, aber ebenso leeren Vorgarten, in den die beiden immer einen geschmückten Weihnachtsbaum mit Beleuchtung stellten. Es könnte doch aber auch mal etwas ganz anderes sein, dachte sich Manfred Langhammer und kam 1974 auf die Idee mit den Gebäuden. Als erstes hatte er sich die Sachsenberger Kirche auserkoren, wobei es ihm nicht um eine exakte und maßstabgerechte Kopie ging. Die Ansicht sollte stimmen, wie etwa die Anzahl der Fenster. Und so ging der gelernte Maurer, der von 1958 - 1971 beim Hammerbrücker Baubetrieb arbeitete, ans Werk. Die Seitenwände fertigte er aus selbst gegossenen Betonteilen, alles andere war aus Holz. Große Unterstützung erhielt er von Anfang an von seiner Frau, die sich etwa um Beleuchtung kümmerte. Nach Fertigstellung kam die Kirche im Vorgarten auf ein passendes kleines Podest. Und so zauberte das allererste Modell 1974 Adventsstimmung am Aschberg, der damals um diese Jahreszeit bereits oft verschneit war.
Der erfolgreiche Auftakt war für Manfred Langhammer Ansporn zu weiteren Modellen, wobei er die Originale danach aussuchte, was ihm persönlich ganz besonders gefiel, etwa in Bezug auf den Baustil. Da wurde er oft schon ganz in der Nähe fündig, denn sein zweites Objekt, das mittlerweile aber dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel, war das rote Ziegelhaus an der Einmündung der Goethestraße in die Auerbacher Straße. Aber auch die Aschbergschänke, den "Haberzettl", knöpfte er sich bereits um 1977 vor. Und ebenso noch in der DDR miniaturisierte er die Post mit Konsum, die sich damals gegenüber dem heutigen Grenzübergang nach Schwaderbach befand.
Durchschnittlich ein halbes Jahr, je nachdem, wie er Zeit hatte, brauchte Manfred für die Modelle, die dann allerdings nicht mehr aus Beton sondern nur noch aus Holz bestanden. Sogar ein Schneemann und ein Bergarbeiter belebten seinerzeit das kleine Klingenthal. Nach der Wende kamen weitere Modelle hinzu, wie etwa die Alte Schule oder das Klingenthaler Rathaus. Da nun langsam die Übersicht verloren ging, baute er ein großes abgestuftes Podest mit damals 9 Metern Länge und 4,20 Metern Breite, um die Modelle auf diese Weise schöner präsentieren zu können. Deren größtes ist übrigens die Jugendherberge am Aschberg mit 2,10 Metern Länge und 1,20 Metern Höhe, wobei vor allem die Anzahl der Fenster beeindruckt: Wie im Original 62 an der Zahl. Sogar die Aschbergschanze kam noch hinzu, wovon sein Sohn ihn eigentlich abhalten wollte. Schließlich gab es die gar nicht mehr. Doch für Manfred war der Bau als Ehrerbietung an ehemalige Skispringer wie Enno Röder oder Harry Glaß ein Muss, und so nagelte er auch den Namen "Aschbergschanze" aus ausgesägten Buchstaben vorne dran. Und heute thront außerdem ein Springer obenauf. Doch auch Neubauten nahm Manfred ins Visier, wie etwa eines von drei neu errichteten Wohnhäusern in der Nähe des Goldbergplatzes. Sein letztes Objekt war das kleine Haus, das sich in der Goethestraße links unterhalb vom "Bernhard" befindet.
Zwischenzeitlich lässt es Manfred etwas ruhiger angehen, denn der jährliche Auf- und Abbau mit Einlagern und Abdecken, bei dem ihm auch sein Sohn half, ist doch mit großem Aufwand verbunden. So benötigt man zum Hoch- und Herunterheben der Jugendherberge schon mal vier Männer. Aus diesem Grund entschloss er sich, alles stehen zu lassen und dafür das Podest mit wasserdichter Folie abzudecken. Ein weiterer Grund ist aber auch seine Frau Inge, die im vorletzten Jahr verstarb und die ihm natürlich bei allem sehr fehlt. Im vergangenen Jahr hätten beide am 4. Juli Diamantene Hochzeit nach 60 Ehejahren gefeiert. Für Inge zum Gedenken griff er noch einmal zur Säge, um zwei Herzen auszusägen, die ihren Platz am Podest finden.
Wer also demnächst wieder einmal in der Grenzstraße unterwegs sind, werfe einen Blick auf das kleine Klingenthal, das sicherlich nicht perfekt ist, in dem aber ganz, ganz viel Liebe steckt. Und genau das sieht man auch.