Läuft der wahre Täter noch frei herum?

Mit einem Freispruch für den 23-jährigen Angeklagten endete in dieser Woche am Amtsgericht Plauen die Verhandlung um eine Raubstraftat in Elsterberg. Dem im ukrainischen Kiew geborenen Übersiedler war vorgeworfen worden, am Abend des 12. Januar 2009 auf der Amtsstraße in Elsterberg einer Rentnerin (81) unter massiver Gewalteinwirkung die Handtasche entrissen zu haben.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Wilhelm Gerhards sah es nach eingehender Beweisaufnahme nicht als erwiesen an, dass der ledige Modellbaumechaniker die Straftat begangen hatte. Die Geschädigte befand sich an besagtem Abend gegen 21.45 Uhr auf dem Nachhauseweg vom Mütterdienst im Pfarramt. Unmittelbar vor ihrer Haustür in der Amtsstraße wurde sie von einem jungen Mann von hinten angegriffen, der ihr unter massiver Gewaltanwendung die Handtasche entriss.

Nur der Tatsache, dass sie sich mit ihrem Gehstock abstützen konnte, war zu verdanken, dass die Seniorin nicht zu Fall kam. Aus der Handtasche wurde die Geldbörse mit rund acht Euro Bargeld entnommen.   "Die Frau hat geschrien"   Später wurde die Tasche mit dem übrigen Inhalt einschließlich Personalausweis und Schlüsselbund an einem Parkplatz im Stadtgebiet wiedergefunden. Die Geschädigte erlitt glücklicherweise keine Verletzungen. Seit dem Überfall traut sie sich jedoch bei Dunkelheit nicht mehr allein auf die Straße. Gerade in jenem Moment, als der Handtaschenraub geschah, kamen zwei Jungen (14 und 15) aus dem Nachbarhaus. "Die Frau hat geschrien, dass sie überfallen worden ist", erklärte der 14-jährige Chris (Namen aller Betroffenen geändert) im Zeugenstand. Gemeinsam mit seinem Freund Norbert nahm er sofort die Verfolgung auf. Die Schilderungen der beiden, plötzlich in einen realen Kriminalfall geratenen Detektive stimmte zwar in weiten Teilen überein, wiesen aber auch einige wesentliche Abweichungen auf. So sahen sie den vermeintlichen Täter zwar in einem Wohnhaus verschwinden und nach einigen Minuten wieder herauskommen. Später beobachteten sie ihm beim Einkauf in einem Drogeriemarkt und in einer Pizzeria. Auch hatten sie den Beschuldigten bei einer Lichtbildvorlage eindeutig wiedererkannte.   Jungen mit Courage    Was allerdings zur Entlastung des Angeklagten ins Gewicht fiel, war die Tatsache, dass sie den Räuber zwischenzeitlich für eine gewisse Zeit aus den Augen verloren hatten. "Ich rechne es den Jungs hoch an, dass sie in ihrem Alter so eine Courage gezeigt haben. Es ist ziemlich schwer, heutzutage noch Leute zu finden, die sich als Zeugen zur Verfügung stellen", würdigte ein ebenfalls als Zeuge geladener Polizeioberkommissar (49) den Einsatz der beiden jungen Elsterberger.

  Liegt Verwechslung vor ?    Dem verschloss sich auch Verteidiger Herbert Posner nicht. Er wandte allerdings ein, mit den Jungs könnte auch leicht das Jagdfieber durchgegangen sein. Und er verwies darauf, dass die Zeugen den Täter zwischenzeitlich aus den Augen verloren hatten. Es könnte also nur eine Verwechslung vorliegen, so der Anwalt, der auf Freispruch plädierte. Die Staatsanwältin hatte zuvor eine auf Bewährung auszusetzende Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten beantragt.

"Es bestehen keinerlei Zweifel, dass sich der Sachverhalt so abgespielt hat, wie in der Anklageschrift geschildert. Aber es steht eben nicht fest, dass der Angeklagte der Täter gewesen ist", fasste der Vorsitzende, Richter Wilhelm Gerhards, die Entscheidung der Schöffengerichtes zusammen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die persönlichen Lebensumstände des Angeklagten, der zum Tatzeitpunkt über einen festen Arbeitsplatz und ebenso über eine ausreichende Menge an Geld verfügte.   Keine Fingerabdrücke   Und was auch für das Gericht ganz wesentlich ins Gewicht fiel: Es gab eine Lücke in der Beobachtungskette. Außerdem waren bei der kriminaltechnischen Untersuchung der Tasche weder DNA-Spuren noch Fingerabdrücke vom Beschuldigten festgestellt worden. Fazit: Möglicherweise läuft der wirkliche Handtaschenräuber von Elsterberg noch frei herum. Ob er je gefasst werden mag?  Sven Gerbeth