"Lachendes Auge, weinendes Auge"

Trump? Nein, Biden! Die ganze Welt hat die Wahlen um die USA-Präsidentschaft beobachtet. Was sagen Vogtländer, die in den USA gearbeitet haben? Was denken US-Amerikaner, die im Vogtland leben?

Michael Marianek, Musiker, Künstler, Statiker und Architekt, ist US-Bürger und lebt mit seiner Frau, einer Plauenerin, die er beim Studium in Mailand kennenlernte, in der vogtländischen Metropole. Zusammen haben sie zwei Kinder. Per Briefwahl setzte sich Marianek zu Gunsten Bidens ein und ist sehr glücklich über den Wahlausgang. Vor allem wegen Kamala Harris. "Ich bin Feminist, mache viel mit feministischen Texten und finde eine Frau in dieser Position ist einfach - wow! Dass der Vize-Präsident kein ‚Alter Weißer Mann‘ ist, ist ein Zeichen für Amerikas Vielfalt. In jeder Firma, in die du reinschaust, ist der Vize-Präsident wichtiger, als der Chef, der oft eine repräsentative Rolle inne hat."


Marianek schaut Fox und CNN. "Ich versuche immer, Empathie für meine Gegner zu entwickeln. Bei uns in Amerika ist alles oft so extrem. Rechts gibt es nur die Proud Boys, Links die Antifa. Aber die Leute sind nicht dumm und können selbst entscheiden, wen sie wählen wollen." Es gebe viel Verzweiflung in Amerika. Seine Hoffnung sei, dass sich die stille Mitte, zu der er sich selbst zählt, die richtige Wahl getroffen habe.


Gerhard Liebscher hat fünf Jahre in den USA gearbeitet - in den 1980ern als Ingenieur für IBM in der Halbleiterentwicklung und als Entwicklungsleiter bei Philips Halbleiter Anfang der Nuller-Jahre. Der heutige Landtagsabgeordnete der Grünen aus Tirpersdorf bei Oelsnitz schaut auf den Wahlausgang nach eigenen Worten mit einem lachenden und einem weinenden Auge. "Schön, dass Biden gewonnen hat und bald wieder so etwas wie Normalität ins Weiße Haus einzieht. Aber ich hatte nicht erwartet, dass es so knapp bei der Wahl zuging."Liebscher zufolge sind die USA zutiefst gespalten. Es werde Jahre dauern, die Gräben zuzuschütten - "wenn es gut läuft".
Die USA ziehen sich nach Liebschers Beobachtung aus manchen Teilen der Welt zurück. Beängstigend sei, dass ein Populist wie Trump mit seinem Slogan "America first" so viele Wähler finden konnte. Europa sollte sich besinnen, selbstbewusster auftreten und mit einer Stimme sprechen. "Wir sind eine Exportnation und auf freien Welthandel angewiesen." Er hoffe, dass es keine Handelskriege gebe und es friedlich bleibe.


Der 26-jährige Nick Marshall schnürt seit dieser Saison die Basketball-Schuhe für den Oberligisten BC Vogtland. Der 1,80 Meter große Aufbauspieler stammt aus Detroit - einer Hochburg der Demokraten. Seit Anfang November ist Marshall "dank" der Corona-Zwangspause wieder in der Heimat, wo er gewählt hat. Joe Biden. Das dürfte er mit dem überwiegenden Teil der US-Basketballgemeinde gemeinsam haben - so hat Superstar LeBron James Amtsinhaber Trump mehrfach scharf kritisiert. "Ich habe oft mit Nick über die Präsidentschaftswahl gesprochen", so BCV-Spielertrainer Tobias Thoß. "Für ihn ist Barack Obama eine Art Leitfigur", weiß Thoß. Die USA seien ein tief gespaltenes Land und "Detroit ein wirtschaftlicher Totalschaden". Das habe ihm der 26-Jährige oft erzählt, sagt Thoß. Marshall wuchs in einem Problemviertel auf. Rassismus sei (nicht nur dort) ein großes Problem. "Er hoffe auf Besserung unter Präsident Biden". Trump habe die Probleme verschärft. Für Marshall sei die Zeit in Deutschland wie Ferien gewesen. Ihm habe es in Plauen sehr gefallen. Nicht nur deshalb soll er im Januar wieder hier sein, wenn nach jetzigem Stand der Dinge der Spielbetrieb in der Basketball-Oberliga wieder aufgenommen werden soll - und Joe Biden als 46. Präsident vereidigt wird. mxw, ufa, mw