Kunst für den Gebrauch

In einer Stadt, deren Name in Verbindung mit einem Produkt weltweit bekannt ist: Plauener Spitze, kann ein Stadtfest, das als Spitzenfest seine 60. Auflage feiert, mit einer Ausstellung, die sich dem Thema Spitze widmet, nur gewinnen. So am Samstag im Museum.

Von Lutz Behrens

Plauen Großformatige Fotos, kündend von der stilprägenden Wirkung edler Spitze, die aus Plauen kommt und von schönen Frauen getragen wird, begrüßen den Besucher im Vogtlandmuseum zur Sonderausstellung: Spitzen-Moden - Moden-Spitzen. Auf schlichten Schwarz-weiß-Fotos, aufgenommen am Anfang des 20. Jahrhunderts, präsentieren sich elegant gekleidete Damen, und der Genius loci, in diesem Falle eine Reitrennbahn in Paris, macht deutlich, dass es der Spitze damals gelang, als Distinktionsmerkmal zu wirken und ihre Trägerinnen den gesellschaftlich höheren Schichten zuzuordnen.
Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung, denn zum Beispiel die Hochzeitskleider, die festlichen Blusen, filigranen Tischdecken, aber auch die schon gar nicht mehr hergestellten, aufwendigen Bobinet-Gardinen machen deutlich, dass Spitze bis heute meist das Besondere, die Exklusivität und das Festliche repräsentiert.
Dies gilt, wenn auch modifiziert, für die Margareten-Spitze; eine echte Innovation, mit der textile Dreidimensionalität erreicht werden kann. Die nach ihr benannte Spitze, hergestellt in Makramee-Technik und angewendet auf Knüpfspitze (auch zum Patent angemeldet), stellte Margarete Naumann 1913 der Öffentlichkeit vor. Albert Forkel, damals Leiter der Plauener Kunstschule, holte die in Chemnitz Geborene als Lehrerin an seine Einrichtung. Von Plauen, dort nach Forkels Tod mit Widerständen konfrontiert, wechselte sie nach Magdeburg und später nach Hannover, wo sie 1946 gestorben ist.
Übrigens beabsichtigte auch Walter Gropius als Direktor des Weimarer Bauhauses, Margarete Naumann, die auf dem Rittergut in Bergen bei Plauen aufwuchs, für seine später weltberühmte Institution zu gewinnen, was am Geld scheiterte, wie Katrin Färber vom Museum (und ausgewiesene Naumann-Expertin) zu berichten wusste. Mit bewahrter Margaretenspitze, die von ihren Schülerinnen stammte, konnte diese Technik wiederentdeckt werden.
Erste Ausstellungen mit Kreationen dieser innovativen Spitze gab es im Vogtlandmuseum 1995 und 2013; für 2020 ist eine weitere, zudem umfangreiche avisiert.
Denn, und das prägte die Ausstellungseröffnung ganz besonders, dem Plauener Museum wurde nun der gesamte, noch vorhandene Nachlass Margarete Naumanns übereignet. Von Albrecht Hartung, ihrem Großneffen. Er nannte die Arbeiten seiner Großtante sehr treffend eine "Kunst für den Gebrauch".
Und dann hält die Ausstellung noch Brautkleider aus Spitze bereit. So von Ingrid Seidel, die als Braut im Juli vor 52 Jahren in der Kürbitzer Kirche dem Plauener Gerhard Lungwitz das Jawort gab. Ein Text verrät, dass die Tüllspitze ihres weißen Brautkleides nach einem Entwurf von Hermann Lungwitz gestickt wurde, der ein Zeichenatelier besaß und der Großvater des Bräutigams war. Genäht wurde das Kleid im Musterbüro des VEB Dako.
Gerhard Lungwitz, Textilingenieur und ehemaliger Technischer Direktor des VEB Spitzen und Blusenkonfektion (zu einem Teil aus dem verstaatlichten Betrieb seines Vaters bestehend), erzählte, dass seine Frau eigentlich Lehrerin für untere Klassen werden wollte, nicht zugelassen wurde, weil sie keine Jugendweihe hatte, dann Dekorateurin in Oelsnitz lernte und später als weitgereistes, freiberufliches Mannequin (mit Fotos in DDR-Modezeitschriften wie Pramo oder Sibylle) reüssierte. Im Flyer zur Ausstellung lehnt das Model in einem mit goldener Spitze geschmückten, langen Rock dekorativ an der Tür des Weisbachschen Hauses.
Auf dem Titelblatt der Einladung zur Spitzenpräsentation blicken uns in einem Hosenanzug aus Spitze Ingrid Eichert und in einem Spitzenkleid Evelin Richter an, beide in der Plauener Textilindustrie lange Jahre zuhause. Frau Eichert, die im Museum ein selbstentworfenes, selbstgeschneidertes, gelbes Leinenkleid mit Spitzenbesatz trug, hatte den Hosenanzug zu ihrem Polterabend an.
Eröffnet wurde die Ausstellung von Bürgermeister Steffen Zenner, Museumsdirektor Dr. Martin Salesch und sechs schwarzgekleideten, singenden Männern (unter ihnen Rathaus-Justitiar Friedrich Tillmann), die, optisch aufgewertet mit roten Hosenträgern und Fliege, ganz im Stile der Comedian Harmonists, melodiös von dem Freund schmetterten, der bekanntlich das Beste ist, "was es gibt auf der Welt". Das lässt keinen Widerspruch zu.