"Küttlers Redeplatz verschwindet"

Verleger Jean-Curt Röder ist sauer: Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Friedlichen Revolution soll in Plauen jener Platz verschwinden, an dem sich am 7. Oktober 1989 Staatsmacht und Demonstranten gegenüberstanden. Heute gibt es die letzte Möglichkeit, die Rathaustreppe zu fotografieren.

Von Marjon Thümmel

Plauen - "An der Stelle, an der der damalige Superintendent Thomas Küttler mit dem Megaphon stand, begann die Friedliche Revolution, die nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt veränderte. Und statt sie fürs Stadtmarketing zu nutzen, wird sie wegrationalisiert", schimpft der 74-Jährige, der dabei war, als am 7. Oktober 1989 Küttler mit seiner Ansprache an die tausenden Demonstranten dafür sorgte, dass die Situation nicht eskalierte. "Von diesem Punkt ging die Veränderung der Welt aus. Erstmals wich die Staatsmacht angesichts der mehr als 15 000 Frauen, Männer und Kinder zurück." 30 Jahre wird das in diesem Herbst her sein. Und ausgerechnet dann werden Bauzaun und -gerüst den Blick auf die wahrlich historische Stelle verhindern, denn am heutigen Montag sollen die Bauarbeiten am Rathaus in die nächste Runde gehen. Die Rathaustreppe wird danach nicht mehr so stehen, wie sie war. Der Plauener Verleger, der bereits vier Wende-Chroniken herausgegeben hat und an der fünften arbeitet, bedauert das. "Ich bin kein Neuling beim Thema Wende und weiß auch, dass schon sehr zeitig meine Chronik in Amerika in das LOCIS (Library of Congresss Information System) auch dank des Plaueners Ottmar Schreiber, der in den USA lebt, aufgenommen worden ist. Auch in Australien ist die Bedeutung Plauens bekannt. Nur wir hier tun in der Stadtverwaltung zu wenig, um den historischen Platz Plauens in der Geschichte zu zementieren", sagt er und hat einige Vorschläge, um das zu ändern. 
 "Ich würde gerne die Demonstration vom 7. Oktober 1989 noch einmal nachstellen und alle, die damals dabei waren, aufrufen, dabeizusein. Mich würde interessieren, wer damals an der Spitze des Demonstrationszuges stand, dem die Menge vom Theaterplatz Richtung Bahnhofstraße folgte. Vieles ist mit den Jahren bekannt geworden, nur das noch nicht", sagt Röder und verrät, dass er auch wieder den Hubschrauber, der zu Demo dazugehörte, mit dabei haben will. "Ich möchte, dass zum 30. Jubiläum die Bevölkerung, die damals auf die Straße ging, im Mittelpunkt steht." Und weil für ihn Thomas Küttler der "Sprengmeister" war und die Städte, die mit ihren Demos Plauen folgten, die "Sprengkapseln", möchte er den geschichtsträchtigen Platz auch weiterhin erhalten. "Den Punkt, an dem Küttler stand, könnte man per GPS vermessen - ich hab es für mich schon getan - und nach dem Neubau des Rathauszugangs mit einer Plakette markieren. So ist er auch später noch zu finden und könnte für Touristen interessant bleiben", meint Röder und hat noch eine weitere Idee. "Ein Foto von damals, als Küttler zwischen der bewaffneten Staatsmacht spricht, könnte für eine große Tafel genutzt und angebracht werden. Und während der Bauzeit könnte es auf der Bauplane mit weiteren historischen Aufnahmen die Gäste der Stadt aufmerksam machen." Das Motiv würde er aus dem riesigen Fundus seines Verlages auch kostenlos der Stadt zur Verfügung stellen, betont Röder. Außerdem schlägt er vor, Teile des alten Geländers für museale Zwecke zu sichern. "Wenn die Stadt nicht will, dann sichere ich mir einen Teil selbst", sagt er.
 Bereits vor einigen Wochen hatte der 74-Jährige angeregt, eine Gedenkmedaille mit dem gleichen Demo-Motiv prägen zu lassen. Immerhin gibt es ja so etwas bereits für Leipzig und Berlin. "Plauen droht als Revolutionsstadt schon wieder hintenrunterzufallen. Das kann man doch nicht zulassen", will er die Stadtverwaltung,aufwecken. 
 Und auch ein weiterer Chronik-band soll entstehen. Unter dem Arbeitstitel "Plauen am 7. Oktober 1989 - drei Stunden, die die Welt veränderten, 15 bis 18 Uhr" hat er Plauener und Vogtländer aufgerufen, ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. "Mit der Resonanz bisher bin ich zufrieden. Habe einige interessante Beiträge bekommen. Bis Ende Juni ist für jedermann noch Zeit, selbst aufzuschreiben, was er erlebt hat in den vergangenen 30 Jahren, wie es ihm ergangen ist. Um das Schreiben etwas zu erleichtern, können die Artikel anonym erscheinen, auch wenn ich selbst wissen will, wer sich dahinter verbirgt. Aber nur um sicher zugehen, dass ich keinem Scherzbold aufsitze", sagt Röder und verrät: "Ich habe noch einiges an Ideen, was man machen könnte." Dabei nennt er seine Suche nach einem Bäcker, der noch DDR-Semmeln backen kann oder das Rezept dafür noch besitzt. Oder eine Eisdiele, die Eis wie Sahne, "wie bei Ossi damals" noch produzieren kann und, und, und. Im Theater könnte auch ein Diorama stehen, das die Ereignisse des 7. Oktober 1989 zeigt. "Und ich möchte, das Plauen in den Schulbüchern erwähnt wird als die Stadt der Wende", sagt Röder und erinnert daran, dass der 30. Jahrestag der letzte Termin sei, "wo die Akteure, die damals mit unterwegs waren, dabei sein können". 
 Morgen möchte er sich 19 Uhr mit eventuellen Mitstreitern bei "Dolly" treffen. "Wir Plauener haben das Risiko getragen. Ich will das das in den Geschichtsbüchern steht und die Stadt damit endlich richtig wirbt."