Kreativste Intendant der Plauener Bühnenhistorie

Als Peter Radestock zu Beginn der Spielzeit 1988/89 von Rostock in die Spitzenstadt kam, begann am hiesigen Stadttheater die bewegendste Zeit seiner über 100-jährigen Geschichte. Und zugleich wurde der ehemalige Leipziger Schornsteinfeger der beste, weil engagierteste und kreativste Intendant der Plauener Bühnenhistorie. Allein schon der Spielplan setzte neue Maßstäbe.

Radestock setzte in Plauen auf progressives Theater, das bildend unterhält zwischen nachdenklich und unterhaltsamen Stücken und vor allem auf Bühnenkunst, die Mut macht. Zum Finale seines ersten Plauener Intendantenjahres brachte Peter Radestock Aitmatovs "Richtstatt" in ausverkauften Doppelpremieren und auch zum 40. Republikgeburtstag wurde dieses brisante Stück aufgeführt.

Da konnte bei der Planung niemand ahnen, dass am 7. Oktober 1989 die "Richtstatt" der ersten großen Protestdemonstration der DDR förmlich auf dem Fuße folgt. Explosiver hätte es kaum gehen können. Denn "die Richtstatt ist hier und heute - im Urteil der Zeit und in jedem einzelnen", schrieb Chefdramaturgin Christa Stöß Monate vorm revolutionären 7. Oktober 1989 ins Programmheft zu Radestocks meisterhafter Inszenierung eines meisterhaften Romans.

Drei miteinander verbundene Geschichten sind die tragenden Säulen des im Sozialismus spielenden Stückes, das gesellschaftliche Konflikte schonungslos offenbart zwischen Bewusstseinsformierung und Bürokratie, Dogmatismus und Dummheit. In einer herausragenden Gesamtleistung beeindruckt Frank Damerius als Seminarist Awdi, der sich Christus nähert und wie dieser am Kreuz endet und als ehrlich arbeitender Schäfer Boston an den Sturköpfen der Sowchoseleitung scheitert.

Der heute noch zum Plauener Schauspielensemble gehörende Dieter Maas spielt sowohl einen der vier Haschischsammler, die im Rausch nach Glück suchen, und einen der vier Antilopenjäger, die das Leben der Steppe zerstören, um die Fleischquote zu erfüllen. Auch der sich am Unglück anderer Menschen schadlos halten zu versuchende Basarbai wird von Dieter Maas verkörpert.

Die satanischen Steppenaktionen reißen die friedlich nach den Naturgesetzen ihre Jungen aufziehenden Wölfe Taschtschainar und Akbara (gespielt von der auch aus dem Fernsehen bekannten Uta Eisold) grausam aus ihrem Lebensraum, was diese harmlosen Tiere verzweifelt zu Bestien treibt.

Es sind existenzielle Probleme, die Aitmatow anspricht und Radestock in bewundernswerter Regieleistung auf die Bühne bringt. Auch am 40. Republikgeburtstag, wo viele Theaterbesucher vom Wasserwerfereinsatz des Nachmittags noch immer betroffen sind, manche zum Szenenbeifall in der ausverkauften Vorstellung nach dem "Neuen Forum" rufen. Als am Abend eine willkürliche Welle von Verhaftungen in Plauen einsetzt, führt Radestock seine Bühnenbesucher nach der Vorstellung sicher vom Theater zur Straßenbahn.