Kotzebue aus Goethes Schatten geholt

Zu Lebzeiten litt er darunter, im Schatten Goethes weniger Anerkennung zu finden. Nun wurde August von Kotzebue in der Vogtlandbibliothek ins rechte Licht gerückt.

Von Sven Gerbeth

Plauen Dem Verfasser dieses Beitrages ist seine erste Begegnung mit dem Namen Kotzebue noch gut erinnerlich. Fast auf den Tag genau vor 35 Jahren, im Oktober 1984, begab er sich mit einer munteren Gruppe an Germanistikstudenten der Pädagogischen Hochschule "Karl Liebknecht" Potsdam auf eine mehrtägige Exkursion an die Wirkungsstätten der deutschen Klassiker nach Weimar. Es muss wohl vor jenem Haus in der Schlossgasse gewesen sein, an dem damals wie heute ein Schild auf den zeitweiligen Wohnsitz des gebürtigen Weimaraners hinweist, als ein uns begleitender Doktorand das Werk des uns seinerzeit nahezu unbekannten Dichters mit den Worten "August von Kotzebue - seine Stücke waren wie sein Name" verriss.
Mit 57 Jahren von einem
Burschenschafter erdolcht

Heute nun, dreieinhalb Jahrzehnte später, werden gewiss auch Studenten an der Universität der brandenburgischen Landeshauptstadt ein differenziertes Bild dieses Autors vermittelt bekommen. In Plauen tat dies auf Einladung des Literaturvereins "Goethekreis" Dr. Bertold Heizmann. Der Vorsitzende der Goethegesellschaft zu Essen zeichnete in einem anderthalbstündigen, erfrischend kurzweiligen Vortrag ein facettenreiches Bild jenes Mannes, der im Alter von nur 57 Jahren am 23. März 1819 in Mannheim von einem burschenschaftlich organisierten Studenten namens Ludwig Sand erdolcht wurde. "Diese Tat hat ihn für die Nachwelt fast noch berühmter gemacht als sein literarisches Werk. Dabei war dieses Werk ein beinahe ungeheuerliches", erklärte der Referent. Kotzebue, der als Einziger der Weimarer Klassiker von sich behaupten konnte, tatsächlich in der Stadt an der Ilm das Licht der Welt erblickt zu haben, schrieb über 200 Stücke, dazu Romane, Rezensionen, Essays und historische Abhandlungen. Außerdem betätigte er sich viele Jahre lang auch journalistisch.
Sein Vater verstarb früh. Die Mutter, eine gebildete Frau, erzog den jungen August ebenso wie seine ältere Schwester Amalie in klassisch-humanistischem Sinne. Eben jene Amalie durfte sich eine Zeit lang der besonderen Sympathie Goethes erfreuen und spielte in dessen Stück "Die Geschwister" an der Seite des Geheimen Rates die weibliche Hauptrolle. Der 15 Jahre junge August durfte dagegen nur den Part des Postboten mit einem einzigen Satz Text übernehmen.
Jurastudium mit "Ach
und Krach" bewältigt

"Sein großes Selbstbewusstsein hat ihn wohl sein Leben lang geprägt, und das nicht immer nur positiv", beschrieb der Germanist Heizmann einen wesentlichen Charakterzug Kotzebues. "Gelinde gesagt: Er ging den Leuten auf die Nerven." Sein Jurastudium bewältigte er "mit Ach und Krach", fühlte sich ebenso wie Goethe viel mehr zu Literatur und Kunst hingezogen.
Nach satirischen Angriffen auf die Herzogsfamilie wurde Kotzebue des Landes verwiesen und gelangte nach St. Petersburg. Unter Zarin Katharina der Großen wirkte er am Theater, heiratete in eine Adelsfamilie ein und wurde mit noch nicht einmal ganz 30 Jahren in den Adelsstand erhoben. Auch danach kam er an den Höfen Europas herum. In Berlin nahm die Königsfamilie sein Schauspiel "Menschenhass und Reue" mit Aufmerksamkeit zur Kenntnis. In Wien wurde er vom Kaiser mit allen Ehren empfangen. In Paris erfuhr er ähnliche Anerkennung durch den französischen König. Und doch zog es August von Kotzebue immer wieder zurück nach Weimar. Zuletzt wirkte er von dort aus als "Kaiserlich-Russischer Staatsrat", der dem Zarenhofe über das aktuelle Geschehen in deutschen Landen informierte.
Dr. Bertold Heizmann wusste mit vielen Details auch aus dieser Zeit aufzuwarten und brachte dabei neben Goethe mit den Schlegel-Brüdern und Karl August Böttiger weitere Zeitgenossen des Dichters ins Spiel. Als Kränkung der besonderen Art empfand Kotzebue wohl die Tatsache, nicht in Goethes "Mittwochskreis" ("Cour d'amour") aufgenommen worden zu sein. Sein daraufhin von ihm initiiertes eigenes "Donnerstagskränzchen" fand zwar durchaus Zuspruch in der Gesellschaft der Residenzstadt, trug aber ebenfalls nicht zur Annäherung der beiden Dichter bei.
"St. Peter freut sich
über diese Flammen"

Als schließlich 1817 Burschenschaftler beim "Wartburgtreffen" der Studenten in Eisenach auch Bücher von Kotzebue verbrannten, ist von Goethe der Satz "St. Peter freut sich dieser Flammen" überliefert.
Wer noch mehr erfahren möchte, dem sei Bertold Heizmanns, im Schrenk-Verlag erschienenes, Buch "Im Schatten Goethes: Kotzebue" empfohlen. Bemerkenswertes Detail zum guten Schluss: Nach dem Mörder Ludwig Sand, der ein Jahr nach der Tat hingerichtet wurde, ist in dessen Geburtsstadt Wunsiedel noch heute eine Straße benannt. Diese Ehre wurde seinem Opfer bislang nicht zuteil, was der Referent augenzwinkernd mit der Frage kommentierte: "Wer würde wohl auch in einer August-von-Kotzebue-Straße wohnen mögen?"