Konzertmarathon mit Gänsehautfeeling

Zum zweiten Mal gab es am Wasserschloss Klaffenbach einen Konzertmarathon. Am zweiten Juliwochenende gaben sich dort Eisbrecher, Lacrimosa und Blutengel die Mikrofone in die Hand. Nun genossen Freunde der schwarzen Musikszene drei Abende voller musikalischer Höhepunkte.

Von Stephanie Rössel

Chemnitz Klaffenbach, speziell Veranstalter In Move, schaffte es im Gegensatz zu vielen anderen Städten, Konzerte in annäherndem Normalzustand zu organisieren. Wie bereits im vergangenen Jahr gab es Quadranten mit je vier Stühlen. Die nutzte natürlich niemand, denn die vorgezeichneten Rechtecke boten genug Platz zum Tanzen und Hüpfen.
Am Donnerstag begann sozusagen das Wochenende bereits mit VNV Nation. Die irische Future-Popband um Frontmann Ronan Harris setzt auf Electro-Beats und nutzt oft orchestrale Klänge. Sehr erfolgreich waren sowohl die Konzerte als auch der Tonträger mit dem Filmorchester Babelsberg. In Chemnitz jedoch setzte Harris mal wieder mehr auf Electro Body Music (EBM) und ließ die Meute tanzen. "When is the Future" vom zuletzt erschienen Album "Noire" schließt an Titel wie "Perpetual", "Resolution" und "Space and Time" an, bei denen still stehen nicht möglich ist.
Harris wirkte entspannt und lächelte viel. Sein Deutsch war auffallend gut und seine Liebe zu Sachsen ungebrochen, nicht zuletzt wohl, weil die Frau an seiner Seite von hier kommt. "Liebe Leute habt ihr noch ein bisschen Kraft für uns, noch ein bisschen Energie - Ei verbibbsch", brüllte er über die bebende Wiese vor der Bühne. Gegen Ende des Konzertes holte er alle anwesenden Kinder auf die Bühne, die dort tanzten als würde sie nie etwas anderes machen. Später posteten Eltern in den sozialen Medien: "Es waren heute Glückstränchen in den Augen beim Einschlafen, vom tanzen auf der Bühne." Für eine Zugabe ließ sich Harris jedoch von seinem Publikum nicht erweichen.
Freitagabend stand im Zeichen von Project Pitchfork. In den 90ern waren sie in und auch außerhalb der Electro-Wave-Szene sehr erfolgreich. Viele Fans sammelten die vergangenen eineinhalb Jahre die Tickets für die immer wieder verschobenen Konzerte. Zum ersten Mal war das Liveerlebnis nun wieder möglich und das waren allen vor und auf der Bühne anzumerken.
Am liebsten nicht mehr aufhören wollten am Samstagabend auch Mono Inc. Als Support hatten sie in Chemnitz Storm Seeker dabei. Die Düsseldorfer stehen noch am Anfang ihrer musikalischen Karriere. Sie wurden vom Mono-Managment NoCut unter die Fittiche genommen und waren auch schon dem einen oder anderen Konzert zu erleben. Als fast auf den Punkt um 20.30 Uhr "The Last Crusade" erklang und die Monos mit Knall und Rauch auf die Bühne kamen, kam bei den Fans bereits das erste Mal ein kurzer emotionaler Moment auf. Bei den fast 1000 tanzenden und singenden Menschen fielen die Quadranten optisch nicht mehr ins Gewicht und auch für die Band auf der Bühne war das nach ein paar Strandkorbkonzerten ein fast normales Konzert.
"Und dann gab es 1000 Helden in Chemnitz, die gesagt haben, ich glaube daran, dass es stattfindet und kaufe ein Ticket. Ihr seid gekommen, das zeugt von sehr viel Mut und positiver Energie. Und deswegen sind wir froh, dass wir heute hier für euch spielen dürfen", sagt Frontman Martin Engler und war an diesem Abend in einer spürbar besonderen Stimmung. "Ich fühle mich wie bei einer Gartenparty", sagt er zwischendurch und nippte an einem Getränk und nahm einen Zug von der Zigarette. Das Konzert hatte viele besonders entspannte Momente. Die Auszeit hat der Band sichtbar gut getan. Engler sprach selbst davon, dass der Leistungsdruck unheimlich hoch war. Das Album 2018, "Welcome To Hell" hielt sich sechs Wochen in den deutschen Charts und schaffte es bis auf Platz 2. Im Lockdown gab es keine neuen Titel, kein Album. Ganz bewusst nicht. "Mir wurde wieder klar warum ich Musik mache. Warum ich damit angefangen habe und was ich damit erreichen will", sagt Martin Engler und ist stolz, dass alle aus dem Team bleiben konnten und in eingeschworener Gemeinschaft nun wieder auf Tour sind. Die Songauswahl ließ kaum Wünsche offen. "Gothic Queen", "The Book Of Fire", "Boatman", "After The War", aber auch "Kein Weg zu weit" erklangen. "An klaren Tagen", der Song der den Film "Honig im Kopf" als Video zur Grundlage hat, ist in der Duett-Version von Martin Engler und Schlagzeugerin Katha Mia zu einem so emotionalen Moment geworden, dass dem Frontmann selbst wieder die Tränen übers Gesicht liefen. Das passierte auch nochmal, als er eine Zuschauerin im Rollstuhl auf die Bühne holte. Dabei sangen die fast tausend Fans "Voices of Doom" im Chor. Es gab eine Zugabe und noch eine und noch zwei weitere. Zu Engler (Gesang), Katha Mia (Schlagzeug), Carl Fornia (Gitarre) und Manuel Antoni (Bass) gesellte sich am Schluss die Crew auf die Bühne und ein Mann, dem sie besonders danken wollten.
"Das Team von In Move hat daran geglaubt das hier durchführen zu können. Sie haben das Risiko in Kauf genommen, auf einem großen Berg Schulden sitzen zu bleiben und haben das Großartige möglich gemacht", galt der Dank Geschäftsführer Sven Borges und seinen Mitstreitern. Nach dem Konzert mischte sich die Band unter die Fans und nahm sich viel Zeit für Autogramme und Fotos und haben an diesem Abend nicht nur damit ganz viel Wärme und Herzlichkeit ausgestrahlt.