Kommunalwahl 1989: Der Anfang vom Ende der DDR

Plauen - "Wahlen zu beobachten", war im Januar 1989 in der DDR eine kühne Idee. Viele Bürger, auch in Plauen, wollten, dass sich im Land etwas ändert. Wie in Polen, in Ungarn und sogar in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow, wo es bereits Wahlen mit mehreren unterschiedlichen Kandidaten gab. Für den 7. Mai hatte die SED-Führung in der DDR Kommunalwahlen angesetzt und wollte dabei nach innen und nach außen Stärke zeigen. Wie in den Vorjahren wollte man ein Ergebnis um die 99 Prozent bei Wahlbeteiligung und Ja-Stimmen erzielen. Wenn die Wähler nicht mitmachten, dann musste das Ergebnis, wie schon in der Vergangenheit, eben "geschönt" werden.

 Bis Anfang Mai fand sich in Plauen um den Goldschmied Steffen Kollwitz und den Maler Klaus Hopf eine Gruppe von etwa 70 vorwiegend jungen Leuten zusammen, die die "Wahlen beobachten" wollte. Freunde aus der evangelischen Markuskirchgemeinde, aus dem ehemaligen Malzhaus und aus verschiedenen anderen, kritisch gesinnten Freundeskreisen wollten den DDR-Mächtigen auf die Finger sehen und wissen, ob denn alles mit rechten Dingen zuginge. An den Auszählungen teilzunehmen, war zwar nicht verboten, aber auch nicht erwünscht.

Die 70 Couragierten teilten sich etwa die Hälfte der 99 Wahllokale in Plauen auf. Sie stießen aber schon am 6. Mai bei den Sonderwahllokalen im Rathaus und am Chrieschwitzer Hang auf die Ablehnung der Wahlbehörden. Davon ließen sie sich aber nicht entmutigen und kamen am Wahltag, dem 7. Mai, sogar in 40 Wahllokale. Dort registrierten sie bei der Auszählung im Durchschnitt gut 10 Prozent bei den Nein-Stimmen und bei der Wahl-Abstinenz.

  Einspruch an DDR-Staatsrat   Bereits am Wahlabend verkündete Egon Krenz, der Vorsitzende der DDR-Wahlkommission, das offizielle Ergebnis der Kommunalwahlen im DDR-Fernsehen. In Plauen hätten über 98 Prozent der Wahlberechtigten an der Wahl teilgenommen und mehr als 96 Prozent der gültigen Stimmen seien für die von der SED geführte Einheitsliste der Nationalen Front abgegeben worden. Das konnte nicht stimmen, meinten die Plauener Wahlbeobachter, und auch viele andere in DDR-Großstädten wie Ostberlin und Leipzig.

Nachdem Versuche gescheitert waren, mit den Behörden über die Diskrepanzen bei den Zahlen zu diskutieren, entschieden sich sieben der Wahlbeobachter in Plauen für einen schriftlichen Einspruch an den DDR-Staatsrat, den Plauener Oberbürgermeister Nobert Martin und andere an den Wahlergebnissen Beteiligte. Eine offizielle Reaktion darauf gab es zunächst nicht. Man setzte offensichtlich auf eine Hinhaltetaktik. Die würden sich schon wieder beruhigen, glaubte man wohl. Das war aber ein Irrtum.

Am 25. Mai konstituierte sich das neue Plauener Stadtparlament. Die Wahl war in Ordnung, keine Probleme - wollte man nach außen demonstrieren. Die Wahlbeobachter waren mit allem Mut auch dabei und erneut enttäuscht. Auf weitere Vorstöße kam am 6. Juni endlich ein anderthalbstündiges Gespräch mit dem stellvertretenden Oberbürgermeister Janfried Döhler zustande. Ergebnis: Die Wahlunterlagen sind bereits vernichtet. Eine Einsicht ist also nicht möglich. Wenn überhaupt, dann hat nur die Nationale Front ein Einspruchsrecht. Nun gut, sagten sich die Wahlbeobachter. Dann schreiben wir eben erneut an den Staatsrat. Für den war die Sache aber nun wirklich erledigt. Man hatte ja mit den jungen Quälgeistern gesprochen. So ging es den ganzen Sommer schließlich hin und her: ohne Ergebnis.

  Freie Wahlen schwer erkämpft   Um die Wahlbeobachter entstand im Spätsommer 1989 in Plauen mit Unterstützung des Pfarres Helmut Henke der Arbeitskreis "Umdenken durch Nachdenken" in der Markusgemeinde, der auch zu anderen DDR-Problemen Position bezog. Er wurde zu eine der Keimzellen für das oppositionelle "Neue Forum", das Anfang Oktober in Plauen von diesem Arbeitskreis mitgegründet wurde und eine führende Rolle bei den demokratischen Veränderungen spielte, die 1990 schließlich zum Ende der DDR führten.

"Er habe nichts zu bereuen", meint Steffen Kollwitz, der heute noch bei den Plauener Grünen aktiv ist. Sie seien "keine Helden" gewesen. Leute müssten sich einmischen, auch heute, sagt Kollwitz. "Leider seien es viel zu wenige, die sich engagierten". Das sieht auch der Arzt Dr. Frank Grünert so, im Herbst 1989 erster Sprecher des Neuen Forums in Plauen: "Die jungen Leute mischen sich heute zu wenig ein", meint der heute 69-jährige rüstige Rentner. Für Kollwitz und Grünert ist Teilnahme an freien Wahlen eine vor 20 Jahren schwer erkämpfte Pflicht, die man auch heute wahrnehmen müsse, um etwas zu bewirken.