Koffer erzählt Menschenschicksal

Auerbach - Ein Taschentuch, ein Topf, ein Gürtel, etwas Leibwäsche und Briefe - gut verwahrt in einem Koffer - erzählen die Geschichte des holländischen Fremdarbeiters Gisbert de Heer, der 1945 in einem Konzentrationslager starb. Der Koffer, der jahrzehntelang bei einer Auerbacher Familie auf dem Dachboden schlummerte, tritt im Frühjahr die Reise zu Gisberts Neffen Kaas de Heer nach Holland an.

 

"Ick bekam eine Hühnerhaut", erzählt der 70-Jährige Kaas de Heer, als er einen Brief von Regina Meier, Leiterin des Stadtarchivs Auerbach, in den Händen hielt: Auskunft über den Ort, an dem sein Onkel Gysbertus de Heer von August 1943 als Fremdarbeiter eingesetzt war und über die Umstände seines Todes.

Der Holländer de Heer forscht seit Jahren nach dem Verbleib seines Onkels. "Über meinen Onkel wusste ich nur, dass er in Deutschland am Kriegsende umgekommen ist. Ich habe deutsche Stellen angeschrieben. Vom Internationalen Roten Kreuz erhielt ich schließlich die Auskunft, dass mein Onkel im Konzentrationslager Groß-Rosen starb und vorher in der Amtshauptmannschaft Auerbach als Fremdarbeiter lebte." De Heer fand per Internet die Adresse des Auerbacher Stadtarchivs und bat um Hilfe.

"Ick suche die Koffer von mine Onkel. Der war 1943 in Auerbach und ist gestorben 1945 im Konzentrationslager" So begann der erste Kontakt zwischen Regina Meier vom Stadtarchiv und Familie de Heer. Es folgten Telefonate, E-Mails, Briefe. Ausschlaggebend für die Recherchen des Archivs war die Kopie eines Schreibens des Niederländischen Roten Kreuzes vom 13. Dezember 1946. Hier wurde eine ehemalige Auerbacher Firma genannt, die Gysbertus de Heer 1943 beschäftigte. Mit diesen Angaben war es relativ einfach, den damaligen Aufenthaltsort des Holländers zu ermitteln, unwahrscheinlich jedoch, dass sich noch jemand an ihn erinnert und dass sogar noch der gesuchte Koffer existieren könnte.

Aber nicht nur Familie de Herr sorgte sich um den Verbleib des jungen Gysbertus. Auch die Familie, in deren Betrieb er damals in Auerbach arbeitete, machte sich Gedanken. Sie wussten nur, dass er eines Tages nicht mehr zur Arbeit erschien und erfuhren später von den Behörden, dass Gysbertus verhaftet worden sei. Dies alles erfuhr Regina Meier, nachdem sie, mit wenig Hoffnung die in Frage kommenden Namen in Auerbach abtelefonierte: "Gibt es in Ihrer Familie vielleicht jemanden, der sich an einen jungen Fremdarbeiter aus Holland erinnert?"

Sie hatte Glück. "Meine Oma erzählt immer von einem jungen Holländer, der im Krieg verhaftet wurde", so die Antwort von einem Nachfahren des Familienunternehmens. Die Nachkommen möchten anonym bleiben. "Ohne die Bereitschaft der Familie, dem Archiv von damals zu erzählen, ohne die warmherzigen, authentischen Schilderungen, wäre Gysbertus de Heer für uns einer von Vielen geblieben. Dank dieser Familie erhielt er für uns ein Gesicht", betont Regina Meier.

Gysbertus Adrianus de Heer kam im August 1943, kurz nach seinem 21. Geburtstag, als Fremdarbeiter nach Auerbach. Nett sei er gewesen, freundlich und fleißig. Auch sein älterer Bruder war als Fremdarbeiter in der Nähe von Frankfurt eingesetzt. Als dieser schwer erkrankte, vermutlich an Typhus, wollte ihn Gysbertus besuchen. Eine Reise- und Besuchserlaubnis wurde ihm von den deutschen Behörden nicht erteilt. Seine Familie nimmt an, dass sich Gysbertus bei seiner dienstlichen Fahrt zum Bahnhof Lengenfeld gegenüber Dritten darüber in Zorn aussprach und daraufhin denunziert wurde. Vielleicht wollte er sich auch ohne Erlaubnis auf den Weg zu seinem Bruder begeben. Eine Aufklärung wird wohl erst möglich sein, wenn die damaligen Prozessakten gefunden werden. Dazu hat das Stadtarchiv bei Fremdarchiven angefragt. Gysbertus Bruder verstarb ohne dass sich die Brüder noch einmal sahen.

Belegt werden konnte bisher, dass Gysbertus de Heer am 17. November 1943 verhaftet und bis zum 18. Januar 1945 in Plauen inhaftiert wurde. Am 18. 1.1945 wurde er in das Konzentrationslager Flossenbürg überführt und unter der Nr. 42254 inhaftiert. Hierüber gibt das Effektenverzeichnis von Flossenbürg Auskunft. Auch darüber, dass de Heer schon am 26. Januar 1945 in das schlesische Konzentrationslager Groß Rosen verlegt wurde. Viel hatte er nicht: Eine Mütze, ein Mantel, eine Weste, ein Pullover, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe, ein Paar Gamaschen und ein Taschentuch sind verzeichnet.

Regina Meier setzte sich mit den Gedenkstätten der beiden Konzentrationslagers Flossenbürg in der Oberpfalz und Groß Rosen im heutigen Polen in Verbindung. Schnell und unbürokratisch wurde geholfen und so liegt heute der offizielle Eintrag über Gysbertus Tod vor: Am 17. Februar 1945 verstarb "der Kraftfahrer Gysbertus de Heer" laut Eintrag des Kommandanten des Lagers Groß Rosen an einer "Augenentzündung und Durchfall mit Blut".

Regina Meier stellte den Kontakt zwischen Holland und Auerbach her, der seitdem lebhaft besteht. Dazu Kaas de Heer: "Ich fragte nach, ob noch irgendetwas Persönliches von meinem Onkel vorhanden ist. Kurz vor Weihnachten 2010 kam ein Anruf. Die Familie hatte beim Aufräumen des Bodens eine Reisekiste gefunden - sie beinhaltet viele Dinge meines Onkels. Ich hätte vor Freude weinen können!" Zwischenzeitlich wurden viele Fotos des gefundenen Familienschatzes nach Holland geschickt. "Im Frühjahr reise ich mit meiner Frau nach Auerbach. Ich möchte alle kennen lernen, die mir bei der Suche geholfen haben, ihnen danken und natürlich die Hinterlassenschaft meines Onkels mit nach Holland nehmen", sagt Kaas de Heer. va