Klingenthals riesige "Böllerschanze"

In den 1930ers Jahren sollte in Klingenthal die größte Schanze der Welt entstehen. In die Praxis umgesetzt wurde das Projekt allerdings nicht.

Von Helmut Schlangstedt

 In der Abteilung Wintersport des Klingenthaler Museums befindet sich ein Ölgemälde aus dem Jahr 1932, das man trotz seiner Größe von rund einem Meter Höhe und einem großen goldfarben-weißen Rahmen leicht "übersehen" kann oder auf das man vielleicht nur einen flüchtigen Blick wirft. Dabei handelt es sich um eines der spektakulärsten Ausstellungsstücke der Abteilung, welches das Museum im Jahr 2012 in Plauen aus einem privaten Nachlass käuflich erworben hat. Zu sehen sind darauf Zuschauer bei einem Skispringen - na und...?
Das Besondere an diesem Bild ist die darauf abgebildete Schanze, die seinerzeit die größte der Welt werden und in den 1930er Jahren in der Nähe der jetzigen Vogtland Arena errichtet werden sollte. Xenia Brunner vom Museum kennt die Geschichte dahinter und verwahrt im Archiv Unterlagen zu diesem Großprojekt.
"Erfinder" der Schanze ist der Klingenthaler Howard Willie Meisel, über dessen Person allerdings so gut wie nichts bekannt ist. Man weiß nur, dass er der Sohn einer Fabrikantenfamilie im Musikinstrumentenbau war. In jungen Jahren war er auch selber Skispringer, kannte sich also in der Materie aus. Und er war nach dem 1. Weltkrieg Invalide, hatte aber dennoch große Ideen entsprechend dem damaligen Zeitgeist, ein weitsichtiger und ganzheitlicher Denker.
In einem elfseitigen Konzept legt er dabei nicht nur detaillierte konstruktive Angaben zur Schanze selbst vor sondern auch deren Einbindung in ein großes Fremdenverkehrsprojekt mit Namen Bad Mittelberg als Kurbad und Metropole im Wintersportgebiet Klingenthal-Aschberg. Für seine Schanze hatte Willie Meisel den Arbeitstitel "Böllerschanze" gewählt, da diese für die damalige Zeit geradezu überdimensional war und mit Sprungweiten bis zu 200 m ein absoluter Publikumsmagnet sein sollte. Denn die damaligen Sprungweiten betrugen um 70 m, der Rekord lag bei 84 m. Und auch die Curt A.-Seydel-Schanze am Aschberg, auf der 1929 erstmals in Klingenthal die deutschen Skimeisterschaften ausgerichtet wurden, erlaubte nur Weiten von etwas über 55 m. In der Festschrift von 1929 schreibt dazu Adolph Böhm aus Schwaderbach: "Trotzdem die Schanze so riesenhaft und teilweise sehr gefährlich aussieht, so schwindet dem fremden Springer sofort jede Beängstigung, sobald er den ersten Sprung getan hat." Weiten von 200 m waren also damals eine geradezu gigantische und atemberaubende Vorstellung und sollten auch dazu dienen, Klingenthal als ein Zentrum des Skisprungs weiter nach vorn zu bringen, zumal es Schanzen mittlerer Größe z.B. auch in Markneukirchen und Erlbach gab. Mit seiner Böllerschanze wollte Willie Meisel außerdem in direkte Konkurrenz zur Olympiabewerbung von Garmisch-Parthenkirchen 1936 treten. Er sah dabei aber ebenso die touristische Bedeutung mit Schwaderbach als direktem Konkurrenten mit vielen deutschen Gästen und schreibt: "Warum deutsches Geld dem tschechischen Fiskus, der alles deutsche Wesen bekämpft, in die Tasche schieben. Wie ist in den letzten Jahren die Gemeinde Schwaderbach herangewachsen? Was geschieht von unserer Seite, um das Klingenthaler Grenzlandgebiet in gleicher Weise zu stärken?"
Geplant war im Brunndöbraer Staatsforstrevier ein Naturanlauf, der bei Bedarf bis auf 495 m (!) erweiterbar gewesen wäre. Alternativ hatte Willie Meisel einen hölzernen Anlaufturm wie bei der C.A. Seydel-Schanze ins Auge gefasst. Diese Version hatte der Maler W. Häberle in seiner Kunstversion zur besseren Veranschaulichung wohl ins Auge gefasst. Und Meisel war sich der Gefahr für die Skispringer als Mann vom Fach durchaus bewusst, weshalb er an der Schanze einen Standort für ein Sanitätsauto vorsah, den auch Häberle in seinem Bild rechts unten über dem Signum berücksichtigte. Die Gestaltung der Aufsprungbahn sollte die Verletzungsgefahr minimieren: "Dadurch wird bei schweren Stürzen ein besseres Abrollen gewährleistet, als es heute bei der Seydelschanze möglich ist. Daher dort die oft schauerlich aussehenden aber meist ungefährlichen Sturzbilder", schreibt Meisel. Für den Bau der Schanze hatte er eine umfassende Geländeanpassung vorgesehen, mit Aufschüttungen im oberen Bereich von bis zu 25 m, wobei das Material aus entsprechendem Abtrag im unteren Bereich stammen sollte.
Willie Meisel ging es aber nicht nur um die Bedeutung Klingenthals für die Skisprung-Elite. Er sah bereits damals die Notwendigkeit einer umfassenden touristischen Erschließung Klingenthals und insbesondere Brunndöbras als Alternative zum damaligen Rückgang des Instrumentenbaus durch Krieg und Weltwirtschaftskrise. In seinem Konzept sah er die gute Erreichbarkeit Klingenthals mit Auto, Bahn und Bus als großen Vorteil, von der vor allem die zahlreichen Gasthäuser profitieren würden, die entlang der Verkehrswege liegen, wobei er etwa in Klingenthal Schützenhaus, Altes Schloss, die Hotels Hirsch und Post nannte und alle Wirtshäuser in Brunndöbra einbezog. Sie lagen ja alle auf dem Weg zum Bahnhof.
Sowohl Klingenthal als auch Brunndöbra befürworteten das Konzept. Es existieren auch Zeichnungen des Stadtarchitekten Rauner, die die Geländeanpassungen mit den Maßen darstellen. Zur Finanzierung machte Meisel ebenfalls verschiedene Vorschläge, wie Grenzlandhilfe, Sportsammlungen, Lotterien, Sportverbände, Gemeindemittelund andere mehr. Ebenso den Arbeitslosenfonds, denn er sah den Bau der Schanze und der Kureinrichtungen auch als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wie etwa die "Geigenmacherkurve", die von Instrumentenmachern gebaut wurde.
Doch warum wurde aus Bad Mittelberg mit seiner Schanze nichts? Letztlich verweigerte die Landesforstverwaltung ihre Zustimmung. Zum einen war der dortige Baumbestand schon damals wohl recht wertvoll und als Klangholz geeignet. So erwarben etwa bei der Rodung des Geländes für die Vogtland Arena Instrumentenbauer aus Markneukirchen hier Holz. Doch sollte man der Forstverwaltung nicht allein den Schwarzen Peter zuschieben, die sicher überhaupt nicht vom Projekt begeistert war, aber zumindest eine Meinung einholte. Dazu muss man wissen, dass der Skisprungsport und seine Vereine im Vergleich mit anderen und etablierteren Sportarten damals bei weitem nicht seine spätere Bedeutung hatte. Das galt auch für die Sicht der Sportverbände. Und so nimmt der Forst in seiner endgültigen Ablehnung vom 5. September 1933 Bezug auf eine Stellungnahme des Landessportkommissars, der in dem Vorhaben keine Gemeinnützigkeit sieht. Heißt keine Arbeitsbeschaffung in wirtschaftlich schwieriger Zeit und perspektivisch keine Arbeitsplätze im Fremdenverkehr in "Bad Mittelberg", das mit der Schanze ebenfalls gestorben war.
Und so entschieden letztlich schon damals wie mitunter heute weit entfernt von Klingenthal sitzende bürokratische Sesselpupser, was gut ist für die Stadt und was nicht. Rückblickend sieht es Xenia Brunner mit Humor: "Willie Meisel war halt zur falschen Zeit am falschen Ort..."