Klingenthals Hexenmeister

Mit Schuljahresbeginn wird wahr, was Oberbürgermeister Thomas Hennig 2019 versprochen hat: Die Oberschüler lernen im neuen Oberschulgebäude lernen, wo derzeit wie im Bienenstock gewerkelt wird.

Von Helmut Schlangstedt

Klingenthal - Eigentlich könnte Klingenthal schon lange eine moderne Oberschule haben, die früher noch Mittelschule hieß. Schließlich war das heutige Schulzentrum am Amtsberg nach der Wende eine solche. Anfang der 2000er Jahre war hier nämlich ein komplexes Schulzentrum geplant, mit Grund- und Mittelschule, Gymnasium und einer großen Sporthalle. Ein Millionenprojekt und Riesengeschenk für die Stadt. Das Problem: Für die Genehmigung der Mittelschule fehlten drei Schüler, und Stadtverwaltung samt Stadtrat sahen sich außerstande, diese zu beschaffen.
Damit war das Schulprojekt gestorben, was den damaligen Landrat Dr. Tassilo Lenk dazu bewog, die Klingenthaler Obrigkeit für blöd zu erklären, sich so eine Investition durch die Lappen gehen zu lassen. Nach einer Kunstpause kam zwar noch das Schulzentrum, allerdings ohne Mittelschule, was dazu führte, dass Generationen von Mittelschülern tagtäglich stundenlang nach Auerbach in die Schule tuckeln mussten.
Für Thomas Hennig, seit 2013 Bürgermeister von Klingenthal, war die Wiedereinrichtung einer mittlerweile Oberschule genannten Bildungseinrichtung von Anfang an Chefsache. Dafür kämpfte er auch an vorderster Front in Dresden. Größter Widersacher dort war aber ausgerechnet die für Bildung zuständige Kultusministerin Brunhilde Kurth. Eine ihrer Leistungen: Die Umbenennung von Mittel- in Oberschulen. Sie verpasste Thomas Hennig 2014 in seinen Bemühungen förmlich einen Leberhaken: "In Klingenthal wird es nie wieder eine Oberschule geben!", orakelte sie damals. Doch insbesondere Kultusminister haben oft eine begrenzte Haltbarkeit. Ihre lief 2017 ab, und ihr Nachfolger Christian Piwarz sah das Schulthema wohlwollender. Bedingung: Für die Neugenehmigung einer Oberschule, der ersten auf dem Land nach der Wende überhaupt, müssten mindestens 40 Anmeldungen für das Jahr 2018 vorliegen.
Und so ging Thomas Hennig in Klingenthal und Umgebung auf Werbetour. Was er dabei erreichte, grenzt schon fast an Hexerei. Denn es gelang ihm tatsächlich, diese 40 Schüler zusammen zu bekommen. Für eine Schule, die es noch nicht gab. Von der keiner wusste, ob sie wegen der nötigen Schülerzahl überhaupt kommt. Von der keiner wusste, wo sie sein wird, wer dort unterrichten soll und wie es dann weitergeht. Noch heute ist Thomas Hennig den Eltern für das in ihn gesetzte große Vertrauen dankbar.
Für die Schuljahre 2018 und 2019 wurde für die Schüler der fünften und sechsten Klasse eine Übergangslösung in der Grundschule des Schulzentrums gefunden. Doch klar war, es musste irgendwie ein Neubau her. Und so gab es weiteres Hexenwerk von Thomas Hennig. In seiner Amtszeit reduzierte er trotz Millioneninvestitionen die Schuldenlast und füllte dabei sogar die Stadtschatulle. Unter Ausnutzung eines neuen Förderprogramms konnten die Eigenmittel daher locker ohne Kredite aufgebracht werden. Mitte Juni 2019 erfolgte die Grundsteinlegung und bereits Ende November war Richtfest. Nach nunmehr weiteren acht Monaten steht die Schule in Rekordzeit kurz vor ihrer Fertigstellung, so dass sie mit dem Schuljahresbeginn Ende August genutzt werden kann. Die Gesamtkosten für die neueste und wohl auch modernste Oberschule Sachsens betragen ca. 4,5 Millionen bei rund der Hälfte Eigenmittel.
In drei Etagen, die mit Blick auf den zukünftigen Campus alle einen Durchgang zur Grundschule und damit allen anderen Räumlichkeiten des Schulzentrums haben, gibt es jeweils vier Klassenzimmer. Außerdem gibt es drei Fachkabinette für Physik, Bio und Chemie sowie Lehrerzimmer, Direktorat sowie diverse Nebenräume entsprechend den gesetzlichen Anforderungen. Ein kleiner Knüller ist der Anbau mit Multifunktionsraum von rund 120 m² und darüber die gleich große Terrasse als Klassenzimmer im Freien. Bei einem Rundgang durch die Schule meinte Thomas Hennig scherzhaft: "Ob ich die Frau Kurth zur Einweihung einlade?"