Kleine Welt im Koffer

Der uralte Hartschalenkoffer auf dem Dachboden hat womöglich die halbe Welt bereist. Wieder hervorgekramt, verbirgt sich in seinem Inneren eine kleine eigene Welt.

Plauen Mit metallischem Klicken schnappen die Schlösser. Behutsam, Stück um Stück, öffnet sich der Deckel. Im aufrecht stehenden Koffer tut sich auf drei Etagen eine Miniaturwelt auf, die staunen lässt. Wichtel haben es sich hier gemütlich gemacht. Geschäftiges Treiben nimmt seinen Lauf. Es lohnt, genauer hinzuschauen.
Nahezu ein Jahr lang brauchte es allein, um Stein für Stein einen Gewölbekeller aus Thüringer Schiefer wachsen zu lassen im Koffer-Untergeschoss. Vom Schwager gespendete Schiefer wurden zuerst sortiert, dann angeknabbert mit der Beißzange. Aus den so entstandenen Schieferwinzlingen wuchs Schicht um Schicht, teilweise per Pinzette mit Sachverstand verlegt und geklebt, die Trockenmauer Richtung Decke.
Die im gotischen Bogen eingepassten beiden Fenster erwecken den Eindruck, in einen alten Gewölbekeller oder einen Stall vergangener Zeiten zu blicken. Die Fenster sind mit einem Fensterkreuz versehen. Ein altes Hasenstallgitter bringt dafür die nötige Patina mit. Der Ast aus dem Garten wird zum Ofenrohr. "Auf den Kanonenofen musste aus Platzgründen verzichtet werden", erklärt der Bauherr, der sich für einzeln verlegte Ziegel als Fußboden entschieden hat. Verlegt sind sie einmal in Würfelform, einmal im Fischgrätenmuster.
Während verführerischer Duft aus der Weihnachtsbäckerei mit all dem liebevoll angerichteten Krimskrams nach oben steigt, schnurrt eine Etage darüber munter der Riemen der Drechselbank. Holzspäne fliegen und der Meister spannt das Rohholz ein. Werkzeugkiste, Bügelsäge, Stechbeitel und Hobel fehlen nicht vor der mit Kalkputz versehenen Wand. Diese genauso hinzubekommen mit den sichtbaren Bruchstücken einer nachempfundenen Ziegelwand, kostete Nerven.
Im Koffer eine Miniwelt zu schaffen, diese Idee geisterte dem Erbauer schon lange im Kopf herum. Fast zwei Jahre brauchte es bis zur Umsetzung. Pünktlich vor dem Weihnachtsfest 2020 steht nun der geheimnisvolle Koffer in der Stube. Dort tummeln sich auf Regalen und in Fensternischen vielerlei Weihnachtswelten im Miniformat.
Betriebsamkeit herrscht in diesem Weihnachtsland, versteckt hinter Hügeln tief im Westen des Vogtlandes auch in den liebevoll eingerichteten Puppenstuben, bei denen vor zwei Jahren eines unserer Weihnachtsrätselschneeflöckchen gelandet ist. Und selbst im Schuppen nebenan bleibt es nicht ruhig zur Weihnachtszeit. Dort erklimmen Bergsteiger luftige Bergeshöhen, schnaufen Züge durch eine mit ausgetüftelter Elektronik animierte Dorfidylle. Die Züge tuckern am Stellwerk vorbei und rollen ein in der Waggonhalle, in der bei Schweißarbeiten Funken fliegen.
Ist Weihnachten vorbei, wird der alte Koffer behutsam zugeklappt, Schlösser rasten ein mit metallischem Klang und er verschwindet auf dem Dachboden samt seiner verborgenen Wichtelwelt. Marlies Dähn