Klangfülle der Ur-Instrumente

Ein kernfauler Fichtenstamm, Metallfedern, eine gegerbte Hirschhaut, Kleber aus Quark und Kalk und eine von Laien gefertigte erste Geige verschmelzen am Sonntag zu einem kunstvollen Klang-Spektakel im Riedelhof Eubabrunn.

Von Marlies Dähn

Eubabrunn - Im Atelier unter freiem Himmel hat Installations-Künstler Albrecht Fersch einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz. Wie ein Holzwurm "frisst" er sich mit vollem Körpereinsatz durch den Stamm einer mannsdicken Fichte. Im Inneren des Baumes mit Stechbeitel und Klöppel zu arbeiten, ist eine Herausforderung. Der kernfaule Stamm ist zum Glück heil geblieben und erhält jetzt den Feinschliff. Fersch wird die so entstandene hölzerne Trommel auf einen Sockel heben und außen mit Sprungfedern versehen. Die erzeugen unterschiedliche Klänge und lassen Töne über den Resonanzkörper schwingen. Einige der Federn hat er selbst gebogen in der Werkstatt im Riedelhof. Andere stammen von Flohmärkten, waren Stoßdämpfer oder Sprungfedern. 
Der Berliner ist einer von vier Künstlern, die bereits seit 30. April im Außengelände vom Riedelhof Kunstwerke aus Holz schaffen unter dem Motto "Meine erste Geige - auf der Suche nach dem Ur-Instrument".
"Es ist ein Experiment. Im Zusammenklang mit dem 54. Internationalen Instrumentalwettbewerb der Stadt Markneukirchen laden wir heuer zu diesem besonderen Event", macht dazu Georg Mann deutlich. Er ist künstlerischer Leiter des Projektes. Die Arbeiten werden der Musikstadt übergeben und im öffentlichen Raum installiert. Wo, wird noch geklärt. 
 Während die vier Künstler im Freien bei teilweise widrigen Wetterverhältnissen Kunst schaffen, entsteht nebenan in der Riedelhofscheune die erste Geige bei einem 14-tägigen Workshop. Die Scheune ist eine gemütliche Geigenwerkstatt geworden. Den Kurs hier drinnen leitet Dorothea van der Woerd aus Breitenfeld. Sie hat die schwierige Aufgabe, die Arbeiten zu koordinieren. Die Teilnehmer aus Brasilien, Korea, Südafrika und dem Iran sind Laien und fertigen gemeinsam in Arbeitsteilung ihre erste Geige. Schnecke samt Hals, Decke, Boden und Zarge fügen sich zum spielbaren Instrument. Während Koram aus Syrien und Lars aus Südafrika eifrig werkeln, krabbelt der einjährige Raphael quietschvergnügt und voller Neugier über den Scheunenboden. Drei Kinder hat Dorothea van der Woerd. Raphael ist der jüngste Spross. 
An der Geige arbeiten ebenfalls Student Mohammad aus dem Iran, Renata aus Brasilien und Junguu aus Süd Korea. Auf der Suche nach dem Ur-Klang sind auch die studierte Physikerin Swantje Meier (46) und Rudolf Brandes (68). Urig gehen die beiden Künstler aus Berlin dabei zu Werke mit Bart-Axt, ägyptischem Halbmondmesser, selbst gemischtem Kleber aus Sumpf-Kalk und Quark, sowie einem Hirschfell aus Franken. Es wird gesalzen, gekalkt, enthaart und an der Luft getrocknet. Das so gewonnene Pergament wird Teil eines ungewöhnlichen Ur-Instrumentes. Den Fichtenstamm mit Axt und Keil zu spalten, war kräftezehrend und anspruchsvoll. "Auf diese Weise lassen sich die beiden Hälften am Ende exakt zusammenfügen und verkleben", erklärt Rudolf Brandes, der Dozent in Potsdam war, Restaurator ist, mit Swantje Meier einst Bäume blau malte bei einem Kunstprojekt und als Fachmann gilt für historische Farbtechniken. 
Aus den ausgehöhlten Baumhälften entsteht eine mannshohe Figur. Über ein Klang-Loch an der Rückseite wird eine Saite gespannt, die mit einem Bogen aus handbehauener Hasel gestrichen wird. Trifft man die Rute der Hasel nicht im Kern, ist der Bogen unbrauchbar. Die Künstler haben dabei reichlich "Brennholz" produziert.  . . .
Noch bis zum Wochenende bleibt das Atelier unterm Sternenhimmel im Riedelhof für neugierige Besucher geöffnet. Am Sonntag, 12. Mai, findet 15 Uhr die feierliche Präsentation der künstlerischen Arbeiten und der Geige statt. Um 17 Uhr folgt das Abschlusskonzert mit Hot Club d'Allemagne, die im Eubabrunner Riedelhof gute Laune verbreiten. Der Eintritt ist frei.