Kirche streitet über schwule Pfarrer

"Wie lesen wir die Bibel - und welche Kirche wollen wir sein?" - so das Thema einer Diskussionsrunde in der Versöhnungskirche, das auf breite Resonanz stieß. Zum Disput regte aber eine andere Frage an: Sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Pfarrhäusern akzeptabel?

Plauen - Was hatte die Diskussion im Gotteshaus mit den Kreuzberger Nächten zu tun? Erst fang se ganz langsam an, aber dann... Das jeweils Positive an der gegenteiligen Auffassung zu benennen, wurden die Podiumsgäste von Moderator Andreas Roth gebeten, Journalist der Zeitung "Der Sonntag", die die Reihe "Kirche im Gespräch" initiiert.

Respekt vor anderen Meinungen

Und eigentlich nahm Landesbischof Jochen Bohl das bemerkenswerte Fazit vorweg: Der Reichtum der Evangelischen Kirche erlaube es, auch unterschiedlicher Meinung zu sein, was den Respekt vor jenen einschließe, die den Beschluss der Synode kritisieren. Und der beinhaltet, worüber die Teilnehmer der reichlich zweistündigen Veranstaltung durchaus kontrovers diskutierten: Gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Pfarrhäusern sind möglich, wenn der zuständige Kirchenvorstand einmütig zustimmt. Und nur dann. Aber seines Wissens, so Bohl, habe es einen solchen Antrag noch gar nicht gegeben. Was die Diskussion dahingehend erweiterte, wie schwulen oder lesbischen Pfarrern und darüber hinaus generell gleichgeschlechtlich Liebenden zu begegnen sei.

Eine klare Meinung dazu vetritt der Bad Elsteraner Pfarrer Gunther Geipel. Zwar gestatte die Bibel in bestimmten Bereichen eine gewisse Meinungsvielfalt, hinsichtlich der Homosexualität aber finde sich eine durchgängig ablehnende Haltung. Falk Klemm, Schulpfarrer und wie Geipel der so genannten Bekenntnisinitiative angehörend, machte zu dieser Frage gar einen "Riss innerhalb der Landeskirche" aus. Wenn diese aus heutiger Sicht gegenüber der Ablehnung der Homosexualität in der Bibel andere Erkenntnisse gewonnen habe, so könne er das nicht mittragen.

Bibel unter aktuellen Aspekten lesen

Den indirekten Vorwurf, den Zeitgeist über den der Heiligen Schrift zu stellen, könne er so nicht erkennen, warf Oberlandeskirchenrat Burkert Pilz in die Debatte ein. Natürlich halte die Kirche an ihrem Leitbild von Ehe und Familie fest, doch müsse man die Texte der Bibel auch immer unter aktuellem Aspekt lesen. So sei das Patriarchat lange Zeit als Gott gewollt gepredigt worden, inzwischen sehe man die Gleichberechtigung als Zugewinn an Freiheit. "Die Bibel hatte auch kein Problem mit der Sklaverei, trotzdem wurde deren Abschaffung von Christen betrieben", fügte Bohl ein weiteres Beispiel an. Mithin führe der Zeitgeist nicht in jedem Falle vom Evangelium weg.

"Sehr bewegt aus Sicht des Seelsorgers" zeigte sich Rainer Zaumseil. Aus seiner Arbeit wisse er, dass viele Menschen unter ihrem Anderssein leiden, doch auch denen müsse die Liebe der Kirche gelten.

Das sah Pfarrer Geipel nicht anders. Von Homosexualität seien "wertvolle Menschen betroffen, denen ich helfen will". Doch über das Wie herrschten dann auch unter jenen, die sich zahlreich an der Diskussion beteiligten, beträchtliche Meinungsverschiedenheiten. Durch die Begegnung mit Jesus sei er seinem früheren Leben als Homosexueller entkommen, zitierte Geipel einen "Betroffenen" als Antwort, wie man Schwule auf den "rechten Weg" zurückhelfen könne. Und: Homsexuelle könnten vielleicht nie anders leben, aber wenigstens abstinent. Eine Bemerkung, für die Geipel unüberhörbaren Applaus erhielt.

Lesbische Liebe als Geschenk Gottes

Beifall der "Andersdenkenden" im Raum galt aber auch Ulrike Franke, einst Pfarrerin im Vogtland und mittlerweile in Leipzig lebend, die ihre Liebe zu einer Frau als Geschenk Gottes bezeichnete. Auch ein anderer Diskussionsteilnehmer bekannte sich zu seinem Schwulsein: "Ich habe erkannt, dass Gott dies mit mir vorhat." Ob diese Menschen durch Gottes Hilfe oder Therapeuten "geheilt" werden müssen oder man ihr "Anderssein" als Bereicherung akzeptieren solle, zwischen diesen Auffassungen wogte die Diskussion denn auch hin und her.

Welche Gefahr eigentlich für die Gemeinde ausgehe wenn sie wisse, dass ihr Pfarrer schwul sei, so die schlichte Frage eines Podiumsgastes, die Pfarrer Geipel aus seiner Sicht beantwortete: Weil ein Pfarrer als Vorbild Liebe und Lehren der Kirche propagieren müsse und das biblische Modell nicht auf den Kopf stellen dürfe. Und Pfarrer Klemm sieht von einem schwulen Pfarrer gar die Gefahr der Homosexualisierung der Gesellschaft ausgehen. Eine Bemerkung, die ihm gegen Ende der Diskussion den harschen Vorwurf eines jungen Mannes einbrachte, den Humus für nazistisches Gedankengut zu bereiten.

Nicht über, sondern mit Homosexuellen sprechen

Nicht schlimm oder eklig sei es, homosexuell zu sein, aber es stelle sich die Frage, weshalb Menschen "so" werden, beteiligte sich eine Frau an der Diskussion und gab die verblüffende Antwort gleich selbst: Die Ursache sei in seelischen Verletzungen in der Kinderzeit zu suchen. Ihr Rat: Forsche nach deinen Verletzungen und finde den Weg zurück zum "Normalsein" - auch dafür gab es reichlich Applaus. Erfreulich bodenständig die Meinung des einstigen Bürgermeisters von Weischlitz, des Synodalen Uwe Müller. Er trage den Beschluss der Landeskirche mit, um Homosexuelle aus deren oft erzwungener Scheinheiligkeit herauszuholen. Und ein anderer Redner traf nicht minder den Nagel auf den Kopf mit seiner Bitte an künftige Veranstaltungen dieser Art: Man solle weniger über und von Homosexuellen sprechen als mit ihnen.

"Die Auffassungen in der Landeskirche gehen weiter auseinander als früher", konstatierte Bischof Bohl am Ende der Veranstaltung und plädierte, man müsse "das Gemeinsame suchen. Darin liegt das Verbindende."

Stimmen:

"Die Meinungen in der Landeskirche (zur Homosexualität) gehen sehr weit auseinander. Was die einen für falsch halten, halten die anderen für richtig. Das ist etwas, an dem wir nicht vorbeikommen." (Landesbischof Jochen Bohl, Dresden)

"Homosexuellen sollte auf richtige Art und Weise geholfen werden? Darunter verstehe ich, dass sie in ihre wirklich von Gott gegebene Identität zurückfinden. ? Durch homosexuelle Pfarrer, die gemeinsam in einem Pfarrhaus wohnen, kommt eine falsche Prägung und Verkündigung in die Gemeinde." (Pfarrer Gunther Geipel, Bad Elster)

"Wenn ein homosexuelles Paar ? im Pfarrhaus lebt, dann ist das auch eine Art der Verkündigung. Davon geht die Gefahr aus, dass Menschen möglicherweise zur Homosexualität verführt werden." (Schulpfarrer Falk Klemm, Plauen)

"Ich bin auch hier, weil dieser Kirchenleitungsbeschluss mich direkt betrifft. Seit 21 Jahren lebe ich mit einer Frau zusammen und ich erlebe diese Liebe als ein Geschenk Gottes. Und ich bin der Kirchenleitung dankbar, dass das Versteckspielen aufhören kann." (Pfarrerin Ulrike Franke, Leipzig, ehem. Reichenbach)

"Ich möchte ganz stark davor warnen eine Suchterkrankung und homosexuelles Empfinden miteinander zusammenzubringen. ? Ich habe jahrelang eine Schwulengruppe begleitet und habe die Erfahrung gemacht, wie viel Not diese Menschen zusätzlich tragen müssen." (Suchttherapeut Steffen Adler, Plauen)

"Ich kann einem Homosexuellen nicht absprechen, dass er mit allem was er hat das glaubt, was wir Evangelische Christen glauben? Ehe zwischen Mann und Frau und Familie müssen jedoch das Leitbild bleiben." (Uwe Müller, Landes-Synodaler und Bürgermeister i.R.)

(notiert von Frank Stepper)