Kerzen für die Freiheit

Es lag was in der Luft. Jeder ahnte was, aber keiner wusste Genaues: Am Postplatz standen immer mal Grüppchen und - endlich - am Montag, 16. Oktober 1989, startete die erste Wende- Demo in Reichenbach.

Reichenbach Es war gegen 17 Uhr. Ich konnte alles durch die Schaufensterscheibe beobachten", erinnert sich Matthias Bögel, damals 25 und Verkäufer im Schenkerhaus. Es ist nur eine Handvoll Leute, aber sein Herz jubelt - endlich tut sich was, auch in Reichenbach. "Ich hatte Herzklopfen: Bleibt alles friedlich oder wird es zerschlagen?"
Da hat Bögel eine Idee. "Ich fragte meinen Chef Gottfried Meyer, ob ich Kerzen für die Demonstranten kaufen kann. Doch Meyer sagte: ,Bring sie raus. Du brauchst nichts zu bezahlen.‘"
Bögel verteilt einen Karton weiße Haushaltskerzen an das Häuflein Aufrechter, zu dem Angelika Roth, ihr Mann Friedrich und Familie Rosin aus Mylau gehören. Keine der 100 Kerzen bleibt übrig. Denn es werden immer mehr Menschen. Auf dem Postplatz kommen welche dazu und während des Marsches. Was keiner weiß: Die Staatssicherheit filmt alles vom nahen Turm des Postgebäudes.
Ehe sich der Zug in Bewegung setzt, erscheint eine "Partei-Delegation": Vertreter von Rat des Kreises, Rathaus und Schulamt. Die Herren wollen sich angeblich die Sorgen der Demonstranten anhören und bitten deshalb in die Weinholdschule. Doch damit sind die Demonstranten nicht einverstanden. "Wir haben 40 Jahre auf Sie gewartet, nun warten Sie mal auf uns - bis wir unsere Runde gedreht haben", erwidert Frau Roth.
Der Zug mit den flackernden Kerzen zieht durch Zwickauer und Humboldtstraße, erreicht die SED-Kreisleitung und führt über die Weststraße zur Weinholdschule. Dort beteiligen sich laut Erinnerung von Frau Roth 350 bis 400 Leute. "Die Aula war voll, manche mussten in den Gängen warten. Egbert Rosin ergriff das Wort und sprach uns allen aus der Seele."
Rosin fordert, dass der Chef des Volkspolizeikreisamtes Rede und Antwort stehen muss wegen der Übergriffe auf Schaulustige am Reichenbacher Bahnhof, als die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen durchfuhren; dort gehörte Rosin zu den Malträtierten.
Wie Augenzeugen berichten, versuchen die hohen Herren in der Schul-Aula die Probleme zu zerreden. "Das gelang ihnen, zumal ein Teil des Publikums aus der Kneipe gekommen war. Am Ende ging es um Schlaglöcher vor den Häusern und wackelnde Fenster. Ziemlich unbefriedigend."
Die Reichenbacher rufen zu weiteren Demonstrationen auf und Montag für Montag kamen viele und immer mehr. Angelika und Friedrich Roth gehören bald darauf zu den Gründern des Neuen Forums in Reichenbach. "Wir wussten nicht, wie es werden würde - wir wusste nur, dass es anders werden muss", sagt er.
Wie sieht "Kerzenmann" Bögel die damalige Aktion? "Ich würde es wieder tun. Ich habe aus religiösen Gründen friedlich Kerzen verteilt. Als Christ suchst du nicht die Konfrontation. Aber mein Glaube hat mir gesagt: Im Land muss sich was ändern - und es hat sich was geändert", sagt der 55-Jährige, der in der DDR weder Jugendweihe gefeiert hat noch Pionier oder FDJ-Mitglied war.
Bögel äußert sich zufrieden über den gesellschaftlichen Wandel. "Allein wegen des Gesundheitswesens hat sich die Wende gelohnt, sagt der Diabetiker. "In der DDR wurde der Blutzucker alle viertel Jahre eingestellt, die Spritzen musste ich selbst auskochen. Heute trage ich einen Sensor am Oberarm, der alle Werte aufs Smartphone sendet."
Mit seiner Frau Kathrein (52) führt er heute eine gastronomische Einrichtung in Reichenbach. Die gelernte Köchin wollte in der DDR studieren - hatte nach eigenen Worten aber keine Lust, wegen ihres christlichen Glaubens Kompromisse einzugehen, die möglicherweise von ihr gefordert werden, wie ihr Schuldirektor deutlich machte. "Die Glaubensfreiheit stand damals nur auf dem Papier." ufa